Vitali (li.) und Wladimir können bald alle Gürtel vereinen
Es ist ein Kreuz mit dem Schwergewicht im Boxen. Standen die Fights in der einzigen unbeschränkten Klasse in der Vergangenheit immer im Mittelpunkt, so ist jetzt das Publikum vor allem auch in den Vereinigten Staaten, wo das meiste Geld zu verdienen ist, eher gelangweilt. Böse Zungen sagen gar, es gäbe derzeit mehr Titel als gute Boxer, weshalb auch solides Mittelmaß einen Weltmeistergürtel erringen könne.
Die Zuschauer sehnen sich nach den Helden der Vergangenheit, als noch jeder Titelkampf von Joe Louis, Muhammad Ali, George Foreman, Joe Frazier, Larry Holmes, Mike Tyson und Lennox Lewis die Straßen leer fegte wie ein Tornado der Stärke F5.
Doch ist das wirklich so? Sind die schweren Jungs, die seit dem Rücktritt von Lennox Lewis um die Krone im Schwergewicht boxen, wirklich nur Fallobst? Einäugige unter den Blinden?
sportal.de nimmt den Kampf zwischen Luan Krasniqi und Alexander Dimitrenko zum Anlass und wirft einen Blick hinter die Kulissen der nach oben offenen Klasse des Boxsports. Unsere Top 10 der besten Boxer:
Größe 1,90m - Alter: 46 - Stil: Linksauslage - Kampfname: The Real Deal
Der Ex-Champion der Verbände IBF, WBA und WBC wird von keinem aktuellen Ranking in den Top 10 gesehen, doch geriet er in den Fokus, weil der US-Amerikaner in naher Zukunft, voraussichtlich am 20. Dezember 2008, die Gelegenheit bekommen wird, sich gegen Nikolay Valuev den WM-Gürtel nach Version der WBA zurückzuholen, den er zwischen 1990 und 2000 viermal inne hatte.
Holyfield ist einer der ganz wenigen Boxer, der nie gegen Mike Tyson in seiner besten Zeit verloren hat. The Real Deal ist in zahlreichen zwölfrundigen Ringschlachten erprobt und hat in seiner langen Karriere Nehmerqualitäten bewiesen wie kaum ein Zweiter. Die Chance wieder um einen großen Titel zu boxen erwarb er sich dadurch, dass er auf einen Großteil seiner Börse verzichtete und nun für lediglich 750.000 Dollar in den Ring steigt. Sollte er den Kampf gewinnen, würde er George Foreman (damals 45 Jahre alt) als ältesten Weltmeister aller Zeiten ablösen.
Es ist bereits Holyfields drittes Comeback seiner Karriere. Trotz seiner angeblichen Herzprobleme war Holyfield immer einer der körperlich stärksten Kämpfer. Ihm fehlt es zwar im Vergleich zu anderen Weltmeistern etwas an Schlagkraft, doch gleicht er dies durch Willen, Geduld und gutes Taktieren aus. Gegen Sultan Ibragimov verlor er jedoch am 18. August 2007 klar nach Punkten.
Größe: 1,88 m - Alter: 36 - Stil: Linksauslage - Kampfname: The Quiet Man
Der in Puerto Rico geborene US-Amerikaner John Ruiz ist ebenfalls ein sehr erfahrener Boxer. Zweimal war er bisher WBA-Weltmeister. Die Chance, das dritte Mal den Titel zu erobern, vergab er am 30. August 2008 gegen Nikolay Valuev, gegen den er 2005 äußerst umstritten den WBA-Gürtel verloren hatte. Im August wurde um den vakanten Titel von Ruslan Chagaev gekämpft, da diesem sein Titel aberkannt wurde, weil er zweimal eine Titelverteidigung wegen Krankheit absagen musste. Ruiz unterlag dem Russischen Riesen nach Punkten.
Ruiz, der immer wieder von der Fachpresse für seine Stil kritisiert wurde, gilt als einer der am meisten unterschätzen Schwergewichtsboxer der jüngeren Vergangenheit. Wie sein Kampfname the Quiet Man schon verrät, ist er ein eher ruhiger Vertreter seiner Zunft, der lieber Taten sprechen lässt, als Worte zu verschwenden. Er ist zwar boxerisch limitiert - in der Regel kämpft er Jab - Jab - Klammern - Jab und gelegentlich eine Rechte - aber das tut er sehr diszipliniert. Sein Stil mag wenig spektakulär sein, für die meisten Boxer dieser Zeit reicht er.
Größe: 1,89 m - Alter: 36 - Stil: Linksauslage - Kampfname: The Rock
Hasim Sharriff Rahman ist gläubiger Moslem und wurde in Baltimore geboren. Sein größter Coup gelang ihm 2001, als er den hochfavorisierten Lennox Lewis in Südafrika in der fünften Runde ausknockte und so die Titel der WBC und IBF eroberte. Im Rückkampf unterlag er Lewis jedoch deutlich. 2005 errang er erneut einen Weltmeistergürtel, da Vitali Klitschko seine Karriere beendet hatte. Lange hatte er diesen jedoch nicht inne. Gegen Oleg Maskaev ging er am 12. August 2006 in der letzten Minute des Fights K.O.
Am 13. Dezember 2008 wird The Rock gegen Wladimir Klitschko kämpfen. Rahman besitzt einen guten Punch und hat auch mit Übergewicht sehr gute Kämpfe betritten. Er ist jedoch dafür bekannt, dass ihm oft in entscheidenen Momenten die Nerven versagen. Er kommt gut mit der Rolle des Underdogs klar, wenn er selbst favorisiert ist, hemmt es ihn eher.
Sultan Ibragimov stammt aus der russischen Provinz Dagestan und war zwischen 2007 und 2008 WBO-Champion. Der Beginn seiner Karriere in den USA wurde von Manipulationsversuchen seines Trainers Panama Lewis überschattet. Nach der Trennung von Lewis hat er jedoch einige sehr gute Kämpfe absolviert. Shannon Briggs nahm er am 2. Juni 2007 überlegen seinen WBO-Gürtel ab.
Auch mit Evander Holyfield hatte der Rechtsausleger im vergangenen Jahr keine Probleme. Bei dem Titel-Vereinigungskampf am 23. Februar 2008 unterlag er jedoch Wladimir Klitschko deutlich nach Punkten. Der gläubige Moslem ist schnell und beweglich und hat gute platzierte Punches, denen es allerdings etwas an Druck fehlt.
Der in Havanna auf Kuba geborene Juan Carlos Gomez war, bevor er ins Schwergewicht aufstieg, bereits WBC-Weltmeister im Cruiser-Gewicht. Er boxte zunächst in Deutschland, ging aber wegen Spannungen mit seinem Boxstall Universum in die USA, wo er 2003 gegen seinen Landsmann Yanqui Diaz seine einzige Niederlage als Profi hinnehmen musste. Danach wechselte er zurück nach Deutschland. 2005 wurde der schwarze Panther positiv auf Kokain getestet und flog bei Universum raus.
In den USA erlangte er seine Lizenz zurück und ist aktuell bei der Arena Box-Promotion von Ahmet Öner unter Vertrag. Durch seinen Punktsieg über den Ukrainer Vladimir Virchis am 27. September 2008 erkämpfte er sich das Recht WBC-Weltmeister Vitali Klitschko herauszufordern. Er ist sehr schnell und hat durch seine ungewohnte Rechtsauslage oft Vorteile im Ring. Gegen viele Gegner hat er dank seiner Körpergröße Reichweitenvorteile. Er verhält sich neben dem Ring allerding nicht immer professionell.
Alexander Dimitrenko gilt als einer der kommenden Stars im Boxsport. Er war bereits IBF-Jugendweltmeister und hat bisher alle seine Profikämpfe gewinnen können. Neben Drago, eine Anspielung auf Dolph Lundgrens Rolle in Rocky IV, hat er auch den Spitznamen Babyface. Seit seinem Punktsieg über Vaughn Bean im September 2005 konnte er alle seine Kämpfe vorzeitig gewinnen.
In den Ranglisten der Verbände WBO, WBC, WBA und IBF wird er in den Top 3 geführt. Er bekommt also höchstwahrscheinlich schon nächstes Jahr die Gelegenheit um einen Titel boxen zu können. Zunächst muss er sich aber am 15. November gegen seinen Universum-Stallkollegen Luan Krasniqi durchsetzen. Babyface ist hoch favorisiert. Beide kennen sich gut aus dem Sparring und der Ukrainer Dimitrenko wird sehr genau wissen, dass der Löwe im Ring oft zu passiv agiert und seinen Schlägen der nötige Bumms fehlt. Sollte Krasniqi verlieren, gehen die Experten davon aus, dass er seine Karriere beenden wird.
Dimitrenko hat ein gutes Schlagrepertoire und Dank seiner Körpergröße von 2,01 m auch eine große Reichweite. Sollte er von Verletzungen verschont bleiben, könnte er zum großen Konkurrenten der Klitschkos in der Zukunft avancieren.
Größe: 2,13 m - Alter: 35 - Stil: Linksauslage - Kampfname: The Russian Giant
Nikolay Sergeyevich Valuev ist aktueller Schwergewichtsweltmeister nach Version der WBA. Mit seiner Größe von 2,13 m und seinem Kampfgewicht von bis zu 150 kg ist er der größte und schwerste Boxweltmeister aller Zeiten. Seinen einzigen Profikampf verlor er am 14. April 2007 gegen Ruslan Chagaev. Zuvor hatte der russische Riese den WBA-Titel nach einem umstrittenen Punktsieg über John Ruiz bereits einmal erringen können.
Seinen Status als aktueller Weltmeister verdankt er der Erkrankung seines Bezwingers Chagaev, der deswegen zweimal die Pflichtverteidigung seines WBA-Gürtels absagen musste. Die WBA erkannte dem Usbeken daraufhin den Titel kurzerhand ab und richtete einen neuen Kampf um die Krone aus, den Valuev am 30. April 2008 erneut gegen John Ruiz in einer Mehrheitsentscheidung nach Punkten für sich entscheiden konnte. Sein nächster Gegner ist Evander Holyfield.
Der Hüne gewinnt seine Kämpfe oft durch seine schiere körperlich Präsenz im Ring. Er scheint seine Gegner förmlich zu erdrücken. Er nimmt soviel Platz in der Kampfarena ein, dass man im nicht ausweichen kann. Valuev selbst kann wegen seiner enormen Körperlänge nur schwer am Kopf getroffen werden. Außerdem hat er gegen jeden Boxer einen großen Reichweitenvorteil, den er mit seinem guten Jab auszunutzen weiß. Ein klassischer K.o.-Schläger ist er jedoch nicht. Auch schnelle Kombinationen sieht man bei ihm kaum. Deswegen ist er bei Zuschauern in der Regel nicht sehr beliebt und wird sogar oft ausgebuht.
Größe: 1,85 m - Alter: 30 - Stil: Rechtsauslage - Kampfname: Der weiße Tyson
Der Usbeke Ruslan Chagaev ist derzeit Weltmeister im Wartestand der Organisation WBA. Den Titel eroberte er gegen Nikolay Valuev, den er überraschend klar nach Punkten schlug, obwohl dieser 28 cm größer und 50 kg schwerer war. Während des ganzen Kampfes war er schneller und agiler, schlug häufiger zu und verwirrte den russischen Riesen mit seiner rechten Führhand.
Danach erlitt der gläubige Moslem eine Reihe von Verletzungen und Erkrankungen, unter anderem angeblich eine Hepatitisinfektion und eine Achillessehnenriss, und konnte seinen Titel zweimal nicht verteidigen. Als Weltmeister im Wartestand hat er aber das Recht, den WBA-Titelträger spätestens bis zum 26. Juni 2009 direkt herauszufordern.
Chagaevs Vorbild ist Mike Tyson und er trägt auch den Kampfnamen „Der weiße Tyson". Sicher ist er einer der besten Schwergewichtsboxer derzeit. Er ist beweglich, schnell und kämpft taktisch clever. Seine Schläge sind schnell und plaziert, mit seinem großen Vorbild kann er sich jedoch nicht messen. Dazu fehlt es ihm an Explosivität und Schlagkraft. Gegen Valuev oder eventuell Evander Holyfield hat er allerdings beste Chancen seinen Gürtel zurück zu erobern.
Platz 2 Vitali Klitschko
Kämpfe: 38 - Siege: 36 (35 K.o.) - Niederlagen: 2
Größe: 2,02 m - Alter: 37 - Stil: Linksauslage - Kampfname: Dr. Eisenfaust
Für den älteren der beiden Klitschko-Brüder war von Anfang an klar, dass er eine Karriere als Kampfsportler anstreben würde. Zu Beginn konzentrierte er sich noch auf Kickboxen, wo er 1991 in Paris einen Weltmeistertitel errang. Doch wegen seiner überragenden Schlagkraft und -technik wechselte er zu den Profiboxern.
Nach einer Serie von 24 Knock Outs in Folge und einem leichten WBO-Titelgewinn gegen Herbie Hide (K.o. in der zweiten Runde) musste er am 1. April 2000 gegen Chris Byrd wegen einer Schulterverletzung aufgeben und verlor seinen Gürtel. Vitali erkämpfte sich jedoch bald wieder das Recht, um einen WM-Titel boxen zu können.
Sein Kampf gegen Superchamp Lennox Lewis wurde allerdings vom Ringrichter wegen einer stark blutenden Augenverletzung des Ukrainers in Runde sechs abgebrochen. Der Ukrainer holte sich gegen Corrie Sanders am 24. April 2003 einen WM-Gürtel zurück, den der WBO. Gleichzeitig nahm er Revanche an dem Südafrikaner, welcher kurz vorher seinen Bruder Wladimir geschlagen und entthront hatte.
In der Folgezeit erarbeitete er sich den Ruf als bester Champion seiner Gewichtsklasse, bis ihn eine Reihe von Verletzungen zwangen, seine Karriere im November 2005 zu beenden. Genau 1400 Tage nach seinem Rücktritt startete Dr. Eisenfaust ein Comeback und schlug am 11. Oktober 2008 den WBC-Champion Samuel Peter. Der Nigerianer Peter war offensichtlich in keiner guten körperliche Verfassung und blieb nach der achten Runde einfach in seiner Ecke sitzen.
Ist Vitali in Topform, ist er ohne Zweifel einer der zwei besten Boxer seiner Klasse. Er ist technisch enorm versiert, hat eine große Reichweite und den wohl härtesten Punch der Boxwelt. Außerdem bewies er in zahlreichen Kämpfen, dass er ein Kämpferherz hat und selbst härteste Treffer wegstecken kann. Timo Hoffmann darf sich rühmen, der einzige Boxer zu sein, der jemals über die volle Rundendistanz gegen ihn geboxt hat. Sonst gewann oder verlor Vitali immer vorzeitig.
Auch wenn wir diesen Kampf wohl nie sehen werden, seinen jüngeren Bruder könnte er in erhebliche Schwierigkeiten bringen.
Platz 1 Wladimir Klitschko
Kämpfe: 54 - Siege: 51 (K.o. 45) - Niederlagen: 3
Größe: 1,98 m - Alter: 32 - Stil: Linksauslage - Kampfname: Dr. Steelhammer
Wladimir Klitschko ist der aktuelle Superchamp des Schwergewichts und vereint die Weltmeistertitel der Verbände WBO, IBF und IBO in sich. Er galt immer als der noch talentiertere der beiden Klitschko-Brüder. Schon im Amateurbereich zeichnete sich seine außerordentliche Klasse ab. Bei den Olympischen Spielen in Atlanta 1996 gewann er als erster Weißer Gold.
Nach 24 schnellen und ungefährdeten Siegen verlor er 1998 völlig überraschend gegen Ross Purrity seinen ersten Kampf. 2000 konnte er sich nach einem Erfolg über Chris Byrd, gegen den sein Bruder zuvor aufgeben musste, erstmals einen Weltmeistergürtel umschnallen. Für die nächsten drei Jahre war ihm niemand gewachsen, bis er am 8. März 2003 gegen den Underdog Corrie Sanders bereits in der zweiten Runde K.o. ging. Auch gegen Lamon Brewster unterlag Wladimir ein Jahr später durch K.o.
Richtig erholt hatte sich Dr. Steelhammer erst 2007 von diesen Niederlagen. Seitdem wirkt er gefestigt und konnte alle seine Kämpfe problemlos für sich entscheiden. Auch beim Titelvereinigungskampf gegen Sultan Ibragimov kam er nie in Schwierigkeiten, so dass er nun drei WM-Gürtel trägt und als erster undisputed Heavyweight Champion seit Lennox Lewis gelten darf.
Dr. Steelhammer ist für seine Größe ungewöhnlich schnell und beweglich und verfügt über ein großes Arsenal an Schlägen. Seine Defense ist sicher und einer links-rechts-Kombination können nur die Allerwenigsten widerstehen. Allerdings hat er in früheren Kämpfen bewiesen, dass er ein Glaskinn besitzt. Wenn er hart getroffen wird, geht er zu Boden. Dem versucht der Ukrainer zu begegnen, indem er, wenn es sein muss, sehr taktisch boxt.
Die Klitschkos sind ihrem großen Traum, alle fünf großen Titel auf sich zu vereinigen, nur eine Handbreit entfernt. Den Bruderkampf, der ohne Zweifel spannendste Fight, den das Schwergewicht derzeit zu bieten hat, wird es niemals geben. Der umtriebige Promoter Don King hat zwar eine Börse von 100 Millionen Dollar für die beiden Brüder geboten, aber diese lehnten dankend ab. Sie bleiben ihrer Prämisse treu, niemals gegeneinander zu kämpfen.