
Heiko Schaffartzik, explosiv, ballsicher und stark im Abschluss.
Die deutsche Basketball-Nationalmannschaft ist aus dem EM-Turnier ausgeschieden. Das Entscheidungsspiel gegen Kroatien ging mit 68:70 verloren. Im Grunde genommen ist das keine Überraschung, schließlich trat Deutschland ohne Dirk Nowitzki an, einen der besten Spieler der Welt. Überraschend ist eher, dass die junge Truppe von Dirk Bauermann überhaupt die Vorrunde überstand und sogar eine wirklich gute Chance auf das Viertelfinale hatte. sportal.de zieht Schlüsse aus dem Turnier.
Die Vorberreitung auf die Europameisterschaft verlief zunächst holprig. Den alteingesessen Spielern wie Patrick Femerling, Jan Jagla oder Steffen Hamann merkte man an, dass sie nicht wussten, wem sie in den entscheidenden Situationen den Ball geben sollten. Die wichtigen Würfe hatte in der Vergangenheit schließlich immer Nowitzki genommen. Die jungen Newcomer wussten das ebenfalls nicht, für sie waren es ja auch die ersten Auftritte auf dem internationalen Parkett.
Tolles Spiel gegen Russland
Die ersten Spiele der EM allerdings konnten den skeptischen Zuschauer wirklich in Erstaunen versetzen. Als die Fische ins kalte Wasser geworfen wurden, stellte sich heraus: Sie können schwimmen. Das erste Spiel gegen Frankreich wurde nur knapp mit 65:70 verloren, gegen Titelverteidiger Russland machte die DBB-Auswahl sogar ihr bestes Spiel und gewann mit 76:73.
Es sollte zwar der einzige Sieg in Polen werden, aber auch gegen Griechenland, gegen die Deutschland in letzter Zeit immer mächtige Packungen bekommen hatte, sah das Team beim 76:84 nicht schlecht aus. Zu sagen, ok super, gegen starke Gegner können wir auch ohne Dirk mithalten, ist aber zu kurz gedacht. Die wirklichen Probleme bereiteten dem deutschen Team nämlich die vermeintlich schwächeren Opponenten.
Die Niederlagen gegen die "Kleinen" taten weh
Gegen Lettland, Mazedonien und Kroatien offenbarten sich die Probleme der Mannschaft, und die sind hausgemacht. Es fehlt den jungen Spielern einfach an Spielpraxis auf hohem Niveau. Wer sich nicht regelmäßig mit den Besten seines Landes in Ligaspielen misst, dem fehlt die Ruhe und das nötige Selbstbewusstsein, um in der Crunch Time die Nerven zu behalten.
Von Dirk Bauermann war es sicherlich der richtige Schritt, den großen Bruch zu wagen und auf junge Talente zu setzen. Nur musste er dabei schon sehr genau hingucken, um im deutschen Basketball welche zu finden. Elias Harris (20 Jahre alt) spielt bei Speyer in der Pro B (das ist die dritte Liga), Robin Benzing (20) läuft für Langen in der Pro A auf. Center Tibor Pleiß (19) ist für die Köln 99ers aktiv, die wegen der Pleite des Clubs überhaupt nicht mehr im Profibasketball vertreten sind.
Den jungen Talenten fehlt es an Spielpraxis
Tim Ohlbrecht (21) steht bei Bauermanns Ex-Club Brose Baskets Bamberg unter Vertrag und wurde von ihm gefördert, wollte sich sogar dieses Jahr zum NBA-Draft melden. In den Playoffs der vergangenen Saison stand er aber gerade mal fünf Minuten pro Partie auf dem Feld, in der regulären Saison immerhin 13. So kann man keine Erfahrungen sammeln und so kann man nicht die nötige Sicherheit und Abgeklärtheit erwerben, die nötig ist, um auf internationalen Parkett zu bestehen.
Wie es anders gehen kann, zeigt ein anderer deutscher Spieler. Heiko Schaffartzik spielt bei den Giessen 46ers, wahrlich nicht die beste Adresse in der BBL. Sportlich war die Tradtionsmannschaft aus Hessen nämlich 2008/09 abgestiegen, durfte aber dank einer Wildcard erstklassig bleiben. Dort steht der 25-Jährige jedoch im Schnitt 33 Minuten auf dem Feld.
Schaffartzik bester Deutscher
Bei der EM konnte der quirlige, nur 1,83 Meter kleine Guard von seinen Erfahrungen aus sechs Spielzeiten Erstliga-Basketball profitieren. Das Resultat konnten die Fans der deutschen Nationalmannschaft bestaunen. In zwei der sechs EM-Spiele war er Topscorer der Mannschaft.
Mit 12,7 Punkten pro Partie war er der beste deutsche Spieler des Turniers (Platz 22 insgesamt) und rangiert mit 3,8 Assists pro Spiel sogar auf Rang 12 der besten Passgeber - vor NBA-Allstar-Point Guard Tony Parker. Hinzu kommen eine Vielzahl wichtiger Drei-Punkte-Würfe in Schlüsselsituationen der Begegnungen. Allein im K.o.-Spiel gegen Kroatien traf Schaffartzik in der Schlussphase zwei Dreier und war mit 18 Punkten bester Schütze.
BBL-Clubs setzen nicht auf deutsche Spieler
Es mutet schon etwas seltsam an, warum ein solcher Spieler schon seit Jahren in Clubs spielt, die um den Abstieg spielen oder bestenfalls mit den Playoffs nichts zu tun haben. Beim deutschen Meister EWE Baskets Oldenburg standen in der vergangenen Spielzeit drei deutsche Profis im Kader. Ihre Durchschnittspielzeit zusammen genommen summiert sich auf 10:48 Minuten pro Begegnung, in den Playoffs natürlich drastisch weniger.
Auf der Bank kann man keine Erfahrungen sammeln und sich nicht verbessern. Man kann es den Clubs der BBL nicht verdenken, dass sie vermehrt auf Amerikaner oder osteuropäische Spieler setzen. Viele Vereine haben Geldsorgen, sie können oftmals gar keine langfristigen Pläne aufstellen. Für wenig Geld und sofort bekommt man vor allem in den USA eine schier unendliche Anzahl gut ausgebildeter, athletischer Spieler - der NCAA, der Collegeliga, sei Dank.
Nachwuchsarbeit langwierig und teuer
Der Weg, Spieler aus der eigenen Jugend aufzubauen, ist dagegen weitaus beschwerlicher. Nur wer will schon einen Wettbewerb sehen, der daraus besteht, welcher Club sich die besten US-Boys leisten kann? Mit der Nachwuchsliga NBBL ist der Verband DBB sicherlich auf dem richtigen Wege, am Ziel ist man aber noch lange nicht.
Wenn keine Anreize für die Clubs geschaffen werden, den Nachwuchs mit einzubinden, wird sich das Niveau des deutschen Basketballs und besonders auch der Nationalmannschaft nicht verbessern. Dass es in Deutschland junge Basketballer gibt, die spielen können und mit den großen Nationen mithalten können, wenn man sie lässt, hat diese EM gezeigt.
Robin Benzing: "Ich habe viel gelernt."
Nun müssen die Voraussetzungen geschaffen werden, dass es weiter geht. Schließlich wollen wir, auch wenn Dirk Nowitzki eines Tages ganz aufhört, noch internationale Turniere sehen, bei denen die DBB-Auswahl um den Sieg mitspielen kann. Bei diesem hat sie immerhin überrascht und viel gelernt.
Felix Michel