Willkür in Italiens Fußball? Wegen eines alten Streits kündigte ein Referee einem Spieler angeblich schon vor dem Spiel an , ihn "bei erster Gelegenheit" vom Platz zu stellen. Die Drohung machte er tatsächlich wahr. Den Serie A-Kolumnisten erinnert das an seine Schulzeit.
Wer kennt sie nicht, diese unwillkürlich auftauchenden Erinnerungsfetzen, die einen ausgelöst durch einen Schlüsselreiz für kurze Zeit längst verdrängte frühere Erlebnisse und Gefühlszustände noch einmal ziemlich real nacherleben lassen? Flashbacks wird so etwas in der Psychologie genannt. John Rambo hatte sie an Vietnam, Opa an den Zweiten Weltkrieg und Pescaras neuer Verteidiger Christian Terlizzi wurde kürzlich unsanft angeblich an ein altes Serie B-Spiel erinnert.
"Dir zeig ich bei der erstbesten Gelegenheit Rot", soll ihm Schiedsrichter Carmine Russo nämlich vor dem Spiel zwischen Torino und Aufsteiger Pescara am zweiten Spieltag der Serie A zugeraunt haben. "Und das hat er dann auch getan", berichtete Terlizzi laut football-italia.net. Nach gerade einmal 28 Minuten hatte der Spieler ein Foul im eigenen Strafraum begangen und wurde prompt des Feldes verwiesen.
"Okay, den Elfmeter akzeptiere ich, aber es gab keinen Grund auch Rot zu zeigen", fühlte sich der Verteidiger zu Unrecht bestraft und warf dem eigentlich zur Unparteilichkeit verpflichteten Russo nach abgesessener Sperre jetzt öffentlich Parteilichkeit vor. "Schiedsrichter suchen sich die Spieler aus, die sie bestrafen oder ungestraft davon kommen lassen wollen", so Terlizzi, der den Platzverweis auf einen Streit mit Russo im Serie B-Match zwischen seinem Ex-Club Varese und Sampdoria in der Vorsaison zurückführte.
Schiedsrichter willkürlich wie einst mein Biolehrer?
Willkür in einem Abhängigkeitsverhältnis? Prompt hatte ich ein Flashback an mein persönliches Vietnam - den Biounterricht. Maiose, Mitose oder war es etwa Fimose...? Meinem Biolehrer bedeutete es alles, mir in etwa soviel wie Dressurreiten außerhalb Olympischer Spiele. "Das können Sie sich natürlich nicht merken, aber wer gestern im Tennis gewonnen hat...", hatte er darauf resigniert vor sich hin gebrummelt. Mit Populärkultur im Allgemeinen und Sport im Besonderen hatte er eben nicht viel am Hut.
Von daher war es natürlich nicht sonderlich clever, Tage später auf die Frage "Wofür steht die Abkürzung ATP?", wie aus der Pistole geschossen "Association of Tennis Professionals" zu antworten. Aber hey, ich hatte mich erstens nicht gemeldet und die richtige Antwort "Adenosintriphosphat" lag in meinem Hirn nicht gerade ganz vorne an. "Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich nicht gehört habe, was ich sage", schüttelte er den Kopf und erkor mich zu seinem Wiederholungsfragen-Lieblingsopfer.
Natürlich, das sagt mir mittlerweile meine Altersweisheit, war sein Ansatz rein pädagogisch. Die folgenden vielen Osram Heynckes-Momenten sollten mich zum Lernen anstacheln. Interesse an theoretischer Biologie hat er damit zwar nicht wecken können, aber dafür immerhin den Ehrgeiz, trotz seiner düsteren Prognose "Sportergebnisse zahlen keine Rechnung" mit ihnen doch Geld zu verdienen. Gut es ist nicht unbedingt viel, aber zum Leben reicht es so gerade.
FIGC ermittelt gegen Spieler und Schiedsrichter
Was Russo allerdings mit seiner Platzverweis-Androhung an Terlizzi bezwecken wollte, ist dagegen mehr als fraglich und beschäftigt in Italien momentan die FIGC und die Schiedsrichter-Vereinigung, die eine Untersuchung gegen den Schiedsrichter, aber auch den Spieler eingeleitet haben.
Denn, so berichtet die Gazzetta dello Sport, habe Russo die Partie Varese - Sampdoria, bei der laut Terlizzi der ganze Streit mit dem Schiedsrichter seinen Anfang genommen hatte gar nicht geleitet und auch nicht leiten können. Schließlich soll er damals schon zum Kreis der Serie A-Referees gehört und damit nicht mehr für die Serie B zuständig gewesen sein. Manchmal sind Flashbacks offenbar etwas verschwommen und weniger klar als meiner.
