Taktik hebelt Spielkunst aus - so hieß es im letzten Jahr beim Halbfinal-Aus des FC Barcelona gegen den FC Chelsea. In diesem Jahr könnte die Schlagzeilene bereits nach dem Achtelfinale ähnlich lauten. Wenn der AC Mailand auch im Rückspiel Barca taktisch aushebelt.
Eine faustdicke Überraschung lieferte der AC Mailand im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League. Die Rossoneri bezwangen den Titelfavoriten FC Barcelona vor knapp 80.000 Zuschauern im ausverkauften Giuseppe-Meazza-Stadion mit 2:0 und haben damit beste Chancen, das große Barca aus dem Turnier zu werfen.
Die Katalanen stehen dagegen wie schon im vergangenen Jahr frühzeitig vor dem Aus und benötigen im Camp Nou eine deutliche Leistungssteigerung, um das Viertelfinale doch noch zu erreichen.
"Das ist kein gutes Ergebnis. Wir haben nicht gut gespielt, dafür gibt es keine Entschuldigung", analysierte der enttäuschte Gerard Pique. "Als wir in Rückstand geraten waren, haben wir etwas die Kontrolle verloren. Wir müssen nun das Rückspiel gewinnen und aus dem heutigen Abend lernen."
FC Barcelona: Einfallslos und ohne Konzept
Die Partie gegen eine taktisch hervorragend eingestellte Mailänder Mannschaft erinnerte ein wenig an das Halbfinale aus dem vergangenen Jahr, als Barca dem FC Chelsea im Hin- und Rückspiel deutlich überlegen war, es aber nicht schaffte, sich am Ende durchzusetzen. Das Ende ist hinlänglich bekannt. 73 Prozent Ballbesitz wussten Lionel Messi und Co. auch gegen den AC Mailand nicht in ernsthafte Torchancen umzumünzen. Es fehlte schlichtweg an einer zündenden Idee.
"Das schlechteste Spiel Barcas in den letzten fünf Jahren", titelte beispielsweise die spanische Sportzeitung Marca. Durch defensive Ordnung und schnelle Konter nach Balleroberung brachte Milan den zuletzt so übermächtigen Gegner aus dem Konzept. Teilweise riegelte das Team von Trainer Massimiliano Allegri mit neun Feldspielern den eigenen Strafraum ab. Das gefürchtete Tiki-Taka der wohl besten Mannschaft der Welt wurde so effizient unterbunden: ganze elf Ballkontakte hatte Barca im gegnerischen Strafraum.
Montolivo: "Haben Barcelona die Räume genommen"
Durch konsequent ausgeführte Nadelstiche im Spiel nach vorne nahm Mailand Barcelona schließlich den Wind aus den Segeln. Der Führung durch Kevin-Prince Boateng ging mit einem Freistoß eine Standardsituation voraus: Boatengs Schuss aus der Drehung aus rund 15 Metern landete als Aufsetzer im Tor (57.). Dass die körperlich unterlegenen Gäste aus ihren eigenen Standards kein Kapital schlagen konnten, machte ihre Verlegenheit in der Offensive nur noch deutlicher.
Das 2:0 und damit die Entscheidung besorgte schließlich Sulley Muntari nach schöner Kombination über M'Baye Niang und Stephan El Shaarawy zehn Minuten vor Schluss (81.). "Unser Trainer hat uns sehr gut eingestellt", erkannte Riccardo Montolivo und brachte es auf den Punkt: "Der Schlüssel war heute, dass wir dem FC Barcelona die Räume genommen haben." Der gut gemeinte Ratschlag von Mäzen Silvio Berlusconi, Messi in Manndeckung zu nehmen, konnte aufgrund der glänzenden Taktik von Allegri getrost im Kuriositätenkabinett abgelegt werden.
Endet die CL-Serie des FC Barcelona?
Fünf Jahre in Folge zogen die Katalanen in der Champions League schon mindestens ins Halbfinale ein - der AC Mailand steht nun kurz davor, diese Serie zu stoppen. Und das, obwohl die Hausherren ohne Starstürmer und Winter-Neuzugang Mario Balotelli antreten mussten. Der 22-Jährige erzielte vier Treffer in nur drei Serie-A-Spielen, ist nach seinem Wechsel von Manchester City zu Milan aber international nicht mehr spielberechtigt. Er feierte den Erfolg mit Freunden ausgelassen auf der VIP-Tribüne.
Der FC Barcelona musste nach der Niederlage dagegen feststellen, dass man sich gegen defensiv eingespielte Teams neuerdings äußerst schwer tut und häufiger kein Mittel findet, einen gut sortierten Abwehrblock zu knacken. Schaffen es die Mailänder nun, auch im Rückspiel ein Auswärtstor zu erzielen, wäre Barcas Aus wohl endgültig besiegelt, denn dann würde das Team aus Spanien, dass von Jordi Roura gecoacht wurde, weil sich Cheftrainer Tito Vilanova in New York einer Krebsbehandlung unterzieht, bereits vier eigene Treffer benötigen. Ein 2:0 reicht zur Verlängerung - aber die Tatsache, dass Barca in den letzten zehn Pflichtspielen nicht zu Null spielen konnte, regt zum Nachdenken an.
Muntari macht dem FC Barcelona Hoffnung
Und dennoch mühte man sich bei Milan nach Abpfiff um Zurückhaltung. "Das ist natürlich eine gute Ausgangslage, aber Barcelona ist und bleibt die beste Mannschaft der Welt, das wird im Camp Nou sehr, sehr schwierig für uns", warnte Mittelfeldspieler Riccardo Montolivo.
Auch Torschütze Muntari wollte der veränderten Favoritenrolle auf den Einzug in die nächste Runde noch nicht trauen. "Jetzt müssen wir im Rückspiel aufpassen", sagte er - und machte dem Gegner Hoffnung: "Barcelona kann schnell mal mit fünf Toren gewinnen."
Jakob Kunz

