Paul Hembery geht in die Offensive: Der Pirelli-Motorsportdirektor schiebt den Schwarzen Peter für das aktuelle Reifenchaos in der Formel 1 den Teams zu. 2014 könnte es noch schlimmer werden. Sogar Rennabbrüche drohen.
Aktuell steht Pirelli wegen der stark abbauenden Reifenmischungen in der Kritik und hat angekündigt, die Konstruktion der Slicks schon nach dem Großen Preis von Monaco zu ändern. Doch auch wenn sich die Situation in Kanada wieder entspannt, droht weiteres Ungemach. Obwohl die Italiener noch keinen Vertrag für die Lieferung von Reifen für die Formel-1-Saison 2014 haben, befürchten sie riesige Probleme.
"Wir kriegen unterschiedliche Daten von den verschiedenen Teams. Das bedeutet, dass es einige Überraschungen geben wird", sagte Hembery der Nachrichtenagentur Reuters über die Auswirkungen der Umstellung von V8- auf V6-Turbomotoren. Dass diese sich negativ auswirken, will das Unternehmen aus Mailand jedoch unbedingt verhindern.
"Wir können sicher mit Problemen bei den Mischungen rechnen, weil wir komplett falsche für die jeweilige Strecke auswählen - auch was den Einfluss des Antriebsstrangs auf den Reifen angeht", erklärte Hembery. Dabei malt der Brite eine Horrorvorstellung für viele Formel-1-Interessierte.
"Fünf oder sechs Runden mit einem Reifensatz unmöglich"
Wegen Reifenproblemen könnten im kommenden Jahr Grands Prix abgebrochen werden. "Es gibt Meisterschaften, die weniger wahrgenommen werden als die Formel 1, wo das schon passiert ist. Da hat man am Ende zehn Runden der Renndistanz oder mehr gestrichen", so Hembery. Es gebe Strecken, "auf denen es im wahrsten Sinne des Wortes nur möglich sein wird, fünf oder sechs Runden mit einem Reifensatz zu fahren, sollten wir den Einfluss der neuen Regeln unterschätzen".
Für die Besorgnis der Mailänder ist vor allem das Testverbot während der Saison ausschlaggebend. Seit 2009 dürfen die Formel-1-Teams nur in der direkten Saisonvorbereitung auf der realen Strecke testen. Sonst müssen sie im Simulator probieren, ob ihre Teile funktionieren. Pirelli setzt deshalb ein eigenes Auto ein, um die neuen Reifen zu entwickeln: einen Renault aus der Saison 2010.
Testverbot als Problemursache
Die aktuellen Spitzenteams bauen aber Autos, die durchschnittlich fünf Sekunden pro Runde schneller sind. "Wenn wir nächste Saison nur ein 2011er Auto haben, hilft uns das überhaupt nicht weiter, weil wir eine komplett andere Antriebseinheit haben", erklärte Hembery: "Dazusitzen und zu kritisieren ist einfach. Aber wir bekommen nicht die Werkzeuge, die wir brauchen, um Wertarbeit zu leisten."
Als einzigen Ausweg aus der Misere sieht Hembery eine Aufhebung des Testverbots. "Ich hoffe, dass wir irgendeine Art von Kompromiss finden, die es uns ermöglicht, im Rahmen limitierte Tests während der Saison durchzuführen", sagte Hembery: "Wir wollen als Reifenhersteller nicht in einer Situation sein, in der wir mit Überraschungen nach Melbourne kommen. Wir wollen es vorher wissen."
Mit demselben Anliegen war Ferrari allerdings zuletzt gescheitert. Die Scuderia konnte sich mit der Forderung nach Tests während der Saison bei einer Besprechung der Rennställe in Barcelona nicht durchsetzen.
Alexander Maack
