Peter Neururer wird nach seiner spektakuläre Rettungsaktion beim VfL Bochum einen neuen Vertrag erhalten, auch wenn er im SID-Interview sagt: "Im Profifußball aus Dankbarkeit zu handeln, ist immer falsch." Sein Ziel: Aufstieg mit dem VfL und seriöser werden.
Herr Neururer, Sie hatten 14 Trainerstationen im Profi-Fußball, gibt es irgendeinen Verein, der Ihnen mehr zu verdanken hat als derzeit der VfL Bochum?"
Peter Neururer: "Mir? Der VfL? Der VfL hat mir gar nichts zu verdanken."
"Sie haben ihn als Trainer zum Klassenerhalt geführt. Und manche sagen, einen Sturz in die 3. Liga hätte der VfL nicht überlebt."
Neururer: "Ich bin nur ein ganz kleiner Bestandteil, einer von vielen, die etwas beitragen durften."
"Sie haben nach dem Training am Donnerstag eine Karikatur aus der Fachzeitschrift Reviersport überreicht bekommen, in der Sie als Jesus dargestellt werden, der übers Wasser läuft. Wie passt das zu Ihrer Bescheidenheit?"
Neururer: "Das kommt doch nicht von mir, und es ist mir auch nicht recht. Ich muss damit leben. Noch mal: Der Erfolg, wenn man den Klassenerhalt denn als solchen bezeichnen will, steht in erster Linie der Mannschaft zu. Wenn ich das schon höre, Neururer kann übers Wasser gehen. Wenn ich jetzt noch Wasser in Pils verwandeln könnte, wäre ich mehrfacher Millionär. Das ist totaler Quatsch. Ich alleine hätte gar nichts ausrichten können."
"Sie haben dem VfL also mehr zu verdanken als der VfL Ihnen, nämlich die Tatsache, dass er Sie aus dem Vorruhestand geholt hat."
Neururer: "Vorruhestand heißt, dass jemand gedanklich schon eine Schublade zugemacht hat. Das habe ich nie. Im Ruhestand war ich nur in meiner glücklicherweise einmaligen Krankheitsphase (Neururer lag nach einem schweren Herzinfarkt im Koma, d. Red.). Ich war nicht im Amt in Bezug auf den Job, den ich so liebe. Mehr nicht. Und was Dankbarkeit angeht: Der VfL und ich, wir haben uns immer gegenseitig befruchtet."
"Nun ist der Klassenerhalt perfekt, und Sie setzen sich in ein TV-Studio, lassen sich die Haare blau-weiß färben und ein VfL-Logo auf die Stirn malen. Für wie viel Klamauk hat der Aufsichtsrat, mit dem Sie gerade über einen neuen Vertrag verhandeln, Verständnis?"
Neururer: "Das war eine Wette, die blöd formuliert war. Das war eine Luftnummer. Das hatte mit Seriosität, die wir als Trainer verkörpern wollen, nichts zu tun. Aber es ist gesagt worden, also habe ich es gemacht, fertig und aus. Das war wie früher die Tanzerei vor den Fans. Beides wird es mit mir nie mehr geben. Und um zum Aufsichtsrat zurückzukommen: Ich glaube nicht, dass meine Haarfarbe Vertragsbestandteil sein wird."
"Wie laufen denn die Gespräche?"
Neururer: "Gut."
"Das heißt, Ihre Vertragsverlängerung ist eine Formalie?"
Neururer: "Wir sind auf einem guten Weg. Es geht nur noch um Kleinigkeiten."
"Stimmt es, dass Sie für nur ein weiteres Jahr nicht abschließen würden?"
Neururer: "Ich rede nicht über Vertragsinhalte. Aber man redet natürlich über Entwicklung bis zum Punkt X, und Punkt X ist die Bundesliga. Wir sind gerade so nicht abgestiegen, dann kann man jetzt nicht sagen, wir steigen nächstes Jahr auf. Das wäre unglaubwürdig, dafür braucht man mehr Zeit."
"Könnte es eine Vertragsverlängerung aus Dankbarkeit für den Retter Neururer geben?"
Neururer: "Schwachsinn! Vorstand und Aufsichtsrat würden einen riesigen Fehler machen. Im Profifußball aus Dankbarkeit zu handeln, ist immer falsch. Überzeugung und Vertrauen müssen da sein, sonst geht es nicht. Ich kriege zu viel, wenn ich Sprüche höre wie: 'Ich habe doch jahrelang alles für den Verein gegeben.' Dann sage ich immer: 'Du hast gutes Geld bekommen, und hättest Du irgendwo mehr bekommen, wärst Du weg gewesen.'"
"Apropos Finanzen. Der VfL hat etwa 6,5 Millionen Euro Verbindlichkeiten, noch keinen Hauptsponsor für die kommende Saison und Bedingungen der Deutschen Fußball Liga am Hals. Der Klub muss bis Ende Mai weitere Einnahmepotenziale aufzeigen. Welche sportlichen Ziele kann man unter solchen Voraussetzungen seriöserweise formulieren?"
Neururer: "Wir werden versuchen, im nächsten Jahr mit dem Abstieg nichts zu tun zu haben. Über Tabellenplätze rede ich dabei nicht. Im darauf folgenden Jahr müssen wir die Schritte so weit eingeleitet haben, dass wir sagen können, wir nehmen die Rückkehr in die Bundesliga in Angriff. Das muss das Ziel sein. Ob das dann direkt der Aufstieg sein muss, ist eine andere Sache."
"Wird Ihr Top-Talent Leon Goretzka noch Bestandteil des Weges sein?"
Neururer: "Ich hoffe ja, so lange wie möglich. Wenn Leon nach der kommenden Saison und dem Abschluss seines Abiturs die Ziele, die wir uns stecken, nicht mehr sieht, ist er ohnehin nicht mehr zu halten. Das wäre unmoralisch, diesem Jahrhunderttalent dann den Weg zu verbauen, selbst wenn er noch einen Vertrag bis 2016 hat."
"Das Wort 'Jahrhunderttalent' wählen Sie bewusst?"
Neururer: "Ja! Oder besser: Ich nenne ihn ein Vierteljahrhunderttalent, weil ich so lange schon im Geschäft bin und noch nie einen 18-Jährigen gesehen habe, der auch nur annähernd sein Potenzial besitzt."
