Der angekündigte Weltrekord wurde es zwar nicht, aber Usain Bolt (Jamaika) hat das 100-Meter-Finale mit der fantastischen Zeit von 9,63 Sekunden vor seinem Landsmann Yohan Blake gewonnen. Immerhin war es das zweitschnellste Rennen des neuen Königs von London.
Wenn britische Sportler, wie gestern innerhalb kürzester Zeit Jessica Ennis, Mo Farah und Greg Rutherford, im Olympiastadion Gold gewinnen, gleicht die neue Schüssel im Olympiapark einem Tollhaus. Ähnliches wird wohl nur Bolt erreichen. Als er nach seiner ersten von drei geplanten Goldmedaillen über die Ziellinie schritt, wurde der Blitz aus Jamaika, flankiert von Blake (9,75 Sekunden), von tausenden Kameras festgehalten. Bronze ging an Justin Gatlin aus den USA in 9,79 Sekunden.
"Ich fühlte mich extrem gut - und jetzt bin ich glücklich", sagte Bolt. "Wenn es um Titel geht, dann bin ich da. Das habe ich gezeigt. Ich wusste, was ich kann", erzählte der Gold-Gewinner und schickte einen Gruß von London nach München an Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der ihn vor Olympia behandelt hatte: "Der Doktor ist ein ganz, ganz großer Mann. Vielen Dank, Doktor!"
Nur zu gerne hätte Bolt an diesem Abend auch seinen Weltrekord (9,58 Sekunden) gebrochen, doch eigentlich ist in einem olympischen Finale die Zeit zweitrangig. Eine Niederlage stand allerdings nie zur Debatte. Nach seinem zweiten Olympiasieg auf der kürzesten aller Sprinstrecken ist "Usain Gold" auf dem besten Weg zur Sport-Legende. Außerdem zog Bolt mit dem großen Carl Lewis gleich: Nur der legendäre Amerikaner konnte bis dato zwei Olympiasiege hintereinander (1984 und 1988) auf dieser Strecke feiern.
Der Popstar enttäuscht sein Publikum nicht
Die 80.000 Zuschauer in der ausverkauften Arena feierten Überflieger Bolt wie einen Popstar, der gerade alle seine Welthits zum letzten Mal live gesungen hat. Zwei Millionen Tickets hätten die Organisatoren für das Mega-Finale absetzen können! Wieder einmal degradierte der Welt-Leichtathlet seine sieben Konkurrenten zu Mit-Läufern. Sein Landsmann und Weltmeister Yohan Blake hatte als Zweiter zwölf Hundertstel Rückstand auf Bolt, obwohl der zweite von drei Jamaikanern im Finale seine persönliche Bestzeit einstellte.
Die Bolt-Show begann aber schon lange vor dem Final-Startschuss um kurz vor 22 Uhr Ortszeit. Beim Aufwärmen vor dem Halbfinale scherzte Bolt wie gewohnt in die Kameras - einen Tunnelblick scheint der Superstar einfach nicht zu kennen. Bolt und Blake ließen ihre Muskeln spielen, Bolt posierte als Schattenboxer, die Konkurrenz ließ sich aber nicht einschüchtern. Der 25-Jährige joggte dann in 9,87 ins Finale, die 9,82 von Gatlin waren eine Kampfansage.
Das Missgeschick von der WM ist vergessen
Seinen Sport nimmt Bolt bierernst, aber sonst ist er ein Spaßvogel - und ein großer Junge geblieben. Durch seinen Sport und "stolze Sponsoren" wie Ausrüster und Werbepartner Puma ist er ganz flott zum Multimillionär aufgestiegen. Als Antrittsgage kann der Weltstar bei internationalen Meetings mittlerweile 300.000 Dollar verlangen. Die Nummer 1 der Leichtathletik ist schließlich das zigfache für jeden Veranstalter wert.
Außerdem ist der Mann mit seinem Läufer-Latein noch nicht am Ende - und lernfähig. Der Fehlstart im WM-Finale 2011 war für Bolt ein Schock, die Niederlagen gegen Blake bei den Trials Ende Juni in Jamaika kamen als Weckruf zur rechten Zeit. Zudem ist er sich mit seinem Trainer Mills einig: "Ich war nie ein großer Starter, und ich werde nie ein großer Starter sein. Ich hole das einfach im Rennen raus."
Wie am Sonntag, als ganz Jamaika vor den TV-Geräten die Daumen drückte. Lange nach Mitternacht konnte Bolt mit seinen Landsleuten in eine historische Nacht hineinfeiern: Denn am Montag jährt sich zum 50. Mal der Unabhängigkeitstag der Karibik-Insel. Der bekannteste Jamaikaner hat sich schon lange darauf gefreut, "Happy birthday" zu sagen.
