Während in Deutschland nach der EM die Zweifel lauter werden, ob mit Bundestrainer Löw ein Titel möglich ist, steht die Niederlande vor ganz anderen Problemen. Der neue Bondscoach Louis van Gaal wird kritisch beäugt und die Spieler stellen den Neuanfang infrage.
Zu viele Interna sind nach dem EM-Debakel an die Öffentlichkeit geraten, als das das Testspiel gegen Belgien am Mittwoch ohne Probleme als Neuanfang durchgehen könnte. Ohne Punktgewinn schied Oranje in Polen und der Ukraine aus, danach wurden Klaas-Jan Huntelaar und Rafael van der Vaart für die schlechte Stimmung verantwortlich gemacht.
Der Schalker Stürmer und sein Kollege von Tottenham waren mit ihren Reservistenrollen so unzufrieden, dass die Stimmung im Kader eine Katastrophe gewesen sein soll. "Er hat sich unmöglich verhalten während der Europameisterschaft", sagten kurz nach dem Vorrunden-Aus zwei Insider der Zeitung NRC Handelsblad über Huntelaar. "Der Trainer hätte ihn nach Hause schicken müssen." Der Trainer heißt aber nicht mehr Bert van Marwijk und deshalb sind Huntelaar und van der Vaart weiter dabei.
Robben hat kein gutes Gefühl
Dementsprechend war die Stimmung im Oranje-Lager im Nordseebad Noordwijk eher unterkühlt denn holländisch locker. Vor der Partie gegen Belgien in Brüssel fand nur Arjen Robben ein paar Worte für die Journalisten. "Ich glaube, es ist gut, wenn wir einen Neuanfang machen", sagte der Bayern-Stürmer.
Van Gaal soll diesen Neuanfang möglich machen - mit dem WM-Halbfinale 2014 in Brasilien gibt es sogar schon ein konkretes Ziel. "Ich will nicht zurückschauen", hatte van Gaal auf seiner ersten Pressekonferenz beschworen. Doch so einfach ist das nicht.
"Ich habe ein zwiespältiges Gefühl", räumte Robben ein. "Es sind Dinge passiert, die es fast unmöglich machen, als Gruppe gute Leistungen zu erbringen." Der neue Bondscoach wollte auch mit der Gruppe und einzelnen Spielern über die EM reden. Statt Training stand also zunächst Therapie auf dem Programm.
Van Gaal: "Ein egozentrischer Kontrollfreak"
Doch auch der 61 Jahre alte van Gaal kann der Vergangenheit nicht entkommen. Dafür sorgten schon die Zeitungen mit großen Schlagzeilen. "Aufpassen vor einem neuen Debakel unter Van Gaal", warnte die Tageszeitung De Volkskrant. Und auch die übrigen 16 Millionen Bondsoaches des Landes denken zurück an 2001, als van Gaal in seiner ersten Amtszeit die Qualifikation für die WM in Südkorea und Japan verpasste. Er musste gehen.
An das "Fiasko des Jahrhunderts", erinnert auch das Fußballmagazin Voetbal International in seinem aktuellen Heft. Und der für bissige Sprüche berüchtigte Kommentator Johan Derksen sieht keine Entwicklung beim Ex-Trainer von Ajax Amsterdam und dem FC Barcelona: "Louis hat sich nicht verändert", sagte er im niederländischen Fernsehen. "Er ist und bleibt ein egozentrischer Kontrollfreak." Und sei fehl am Platz: "Er ist ein guter Vereinstrainer, aber kein Bondscoach."
Van Gaal hat wenig Zeit, das Gegenteil zu beweisen und aus den Stars der Premier League, Bundesliga und Eredivisie eine Mannschaft zu schmieden, die angriffslustig und holländisch gesellig spielt. Am 7. September wartet bereits die Türkei im ersten Qualifikationsspiel.
