Die Probleme bei Inter Mailand sind riesig, doch der Retter ist da! Während Präsident und Sportdirektor den Ernst der Lage weggrinsen, packt der neue Trainer Walter Mazzarri an. Aber er hat einen genauen Plan. Gelacht wird nur im Erfolgsfall.
Seit Walter Mazzarri als neuer Inter-Trainer vorgestellt wurde, so erzählt man sich in Mailand, habe ihn noch niemand lachen sehen. Aber warum auch? Zum Spaß ist der Ex-Napoli-Trainer sicher nicht zu den auf Platz 9 ins Mittelmaß der Serie A abgerutschten Nerazzurri gewechselt. Der Mann hat eine Mission, einen klar umrissenen Auftrag. Dementsprechend ernst blickte Mazzarri bei seiner Antrittsrede auch in die Runde. "Ein schwieriges, aber faszinierendes Abenteuer", liege vor ihm, hob er an und blickte freundlich, aber doch entschlossen und fokussiert in die Runde, ehe er ein mahnendes "es wird nicht leicht" folgen ließ.
Mazzarris Realismus teilen bei Inter nicht alle. Vor allem nicht Sportdirektor Marco Branca, der trotz der offensichtlichen tiefgreifenden strukturellen und sportlichen Probleme der Nerazzurri in der letzten Saison (sportal.de berichtete) den Absturz seines Clubs vor allem in Schiedsrichter-Fehlentscheidungen begründet sah. Dabei hatte gerade er selbst mit seiner oftmals wirren und planlosen Transferpolitik der letzten Jahre erheblich dazu beigetragen. Doch von Selbstkritik keine Spur, die grinst Branca einfach weg und erklärte dem Magazin Libero mit dem Brustton der Überzeugung: "Inters Probleme sind alle zeitnah in den Griff zu kriegen."
Das "Wie" ist nun Mazzarris Aufgabe. "Ich habe ihn selbst ausgesucht", machte Präsident Massimo Moratti schon einmal mit stolzgeschwellter Brust unmissverständlich klar, wem das Lob gebühre, sollte der neue Hoffnungsträger auch tatsächlich die Trendwende bei Inter einleiten können. Moratti lässt schon wieder feiern. Wie bei der Stramaccioni-Inthronisierung, bei Ranieri, Gasperini, Leonardo, Benitez, ach wie eigentlich bei allen von ihm geholten 18 Mazzarri-Vorgängern. Dass von diesen lediglich Roberto Mancini und José Mourinho auch Erfolge vorweisen können, grinst er mit dem für ihn typischen Haifischgrinsen einfach weg.
Mazzarri: sachlich, analytisch - kurz ein Mann mit Plan
Die völlig verzerrte Selbstwahrnehmung, die fehlende Selbstkritik und stattdessen der Hang zu übertriebener Selbstdarstellung der Clubverantwortlichen sind wohl Inters größte Probleme der letzten drei erfolglosen Jahre seit dem Gewinn von Scudetto, Coppa und Champions League 2010 unter Mourinho. Mazzarri dagegen ist derartiges Gebaren völlig fremd. Zwar verfügt auch er über ein großes Ego, auch er kann aufbrausend und emotional sein, manchmal sogar direkt unangenehm. Aber er redet nichts schön, er packt an und kämpft.
Mazzarri ist ein harter Hund, formuliert klare Regeln, lebt die eingeforderten Tugenden "Opferbereitschaft und harte Arbeit" aber auch selbst vor. Und er begegnet seinen Spielern mit dem nötigen Respekt. Das kommt an, sie vertrauen ihm, verstehen ihn und zahlen mit Leistung zurück. Denn wenn Mazzarri über seine Arbeit spricht, dann sachlich, fast analytisch in kurzen und prägnanten Sätzen, die ein klares Konzept erkennen lassen. Genau das, was Inter in den letzten Jahren gefehlt hatte: Eine genaue Vorstellung des Trainers und eine darauf abgestimmte Personalplanung. Es muss wieder Ordnung in die zuletzt konfuse Truppe. Auf und neben dem Platz.
Dass er der richtige Mann für solche ein Unterfangen sein kann, bewies er nicht zuletzt beim SSC Neapel. In nur vier Jahren holte er die Süditaliener aus der Versenkung, etablierte sie in der Spitze der Serie A und führte sie in die Champions League. Dort hatte er allerdings auch einen Club, der seine Kurs vorbehaltslos unterstützte, ihn seine Ideen umsetzen ließ. Bei Inter lassen sie Mazzarri derzeit seinen Masterplan in die Tat umzusetzen. Inters Jugendteams werden ab sofort sein bevorzugtes System einstudieren, das Sommertrainingslager in Pinzino wird verlängert, dafür einige Freundschaftsspiele geopfert. "Das Training", stellte Mazzarri klar, "ist nahezu heilig."
Inter braucht ein neues Spielsystem
In täglich zwei Einheiten und vielen Einzelgesprächen will Mazzarri den Spielern das verlorene Selbstvertrauen wiedergeben und nach den diversen Taktikexperimenten seines Vorgängers wieder eine feste Grundordnung einstudieren - vermutlich das auch bei Napoli praktizierte 3-5-2 oder 3-4-3. Bestätigen wollte Matzzarri das zwar noch nicht, machte aber deutlich wie wichtig es sei, "dass wir diese Dinge im Training schon üben, um nicht im laufenden Spiel plötzlich improvisieren zu müssen." Wohin nämlich solche Operationen am offenen Herzen führen können, bewiesen die 57 Gegentore (zweitschlechtester Wert der Serie A) in der letzten Saison.
Die Trainingseinheiten wird Mazzarri auch nutzen, um aus dem wegen der vielen Verletzungen in der Rückrunde auf 30 Spieler aufgeblähten Kader die 22 bis 23 Mann herauszufiltern, mit denen er in die neue Saison gehen wird. Klar dürfte sein, dass der neue Trainer noch erheblich aussieben muss und auch die längst überfällige Verjüngung der Mannschaft vorantreiben wird. "Ich muss die richtige Mischung aus aufstrebenden Jungstars, erfahrenen Spielern und Matchwinnern finden", umriss Mazzarri seine Pläne. Ideal-Vorstellung des Trainers wäre, jede Position im Team doppelt zu besetzen - und das mit Spielern, die sowohl offensiv als auch defensiv Akzente setzen können.
Kader wird ausgemistet, verjüngt und verstärkt
Auch wenn die Bestimmungen des Financial Fairplay nicht unbegrenzten Spielraum für Verpflichtungen lassen werden, brodelt die Gerüchteküche in Italien. Fix sind bisher nur die ablösefreien Verpflichtungen der Abwehrrecken Hugo Campagnaro (Napoli) und Marco Andreolli (Chievo). Für die Außen werden Dusan Basta (Udinese Calcio), Camilo Zuniga (Napoli) und auch Aleksandar Kolarov (Man City), im Zentrum Antonio Nocerino (Milan), Mazzarris Wunschspieler Mauricio Isla (Juventus, gehört zu je 50 Prozent Udinese und Juve) und der Belgier Radja Nainggolan (Cagliari) als heiße Kandidaten gehandelt. Für den Sturm soll bereits Kontakt zu Pablo Osvaldo (Roma) aufgenommen worden sein. Auch Ishak Belfodil (Parma) und Alberto Gilardino (Bologna) werden gehandelt. Letzterer dürfte aber auch angesichts der angestrebten Verjüngung mit 31 Jahren schon fast zu alt sein.
Während mit Walter Samuel wohl verlängert wird, stehen dafür neben dem umstrittenen Abwehr-Allrounder Christian Chivu, auch Yuto Nagatomo, Matias Silvestre, Jonathan, Oldie Dejan Stankovic, Joel Obi, Zdravko Kuzmanovic, Ricardo Alvarez und Ezequiel Schelotto auf der Streichliste. Tommaso Rocchis auslaufender Vertrag wird jedenfalls definitiv nicht verlängert. Die Zukunft von Antonio Cassano und dem von Tottenham umworbenen Fredy Guarin muss noch geklärt werden. "Wir haben gestern bis Mitternacht zusammengesessen und die Spielersituation diskutiert. Und wir werden es wieder tun", erklärte Mazzarri bei seiner Vorstellung. Fest steht bisher nur: der letztjährige Kader und der neue werden sich erheblich unterscheiden.
Das Lachen muss zurück ins San Siro
Inter als Mannschaft auch? Daran wird Mazzarri gemessen werden. "Wir brauchen gleich von Beginn an gute Resultate", erklärte er, wohlwissend, dass die Rückendeckung für neue Trainer und Ideen bei Moratti und Branca bei den ersten Rückschlägen schnell wieder verflogen sein kann. Obwohl sie bei Andrea Stramaccioni zuletzt einen sehr langen Atem bewiesen. "Die Fans müssen wieder stolz sein, eine Mannschaft zu haben, die nie aufgibt. Vor allem zu Hause im San Siro müssen wir unsere Bilanz erheblich verbessern." Die Tifosi sollen endlich wieder lachen können. Und Mazzarri natürlich auch. Wer zuletzt lacht, lacht schließlich am besten.
