Wenige Wochen vor dem Handball-WM in Spanien schrammte das DHB-Team in der EM-Quali nur knapp an der Total-Blamage vorbei. Im Interview mit sportal.de nennt Bundestrainer Martin Heuberger die akuten Probleme und träumt von einer Reform im Welthandball.
sportal.de: Herr Heuberger, nach der Niederlage gegen Montenegro nun der Sieg gegen Israel. Wie groß war der Stein, der Ihnen vom Herzen gefallen ist?
Martin Heuberger: Natürlich war der Stein groß. Denn wir hatten schon Druck, da wir die EM-Qualifikation nicht frühzeitig abschreiben wollten. Das Ziel waren vier Punkte aus den beiden Spielen - nun sind es zwei. Aber die Mannschaft hat in Israel in taktischer Hinsicht gut agiert, dennoch war die Chancenverwertung erneut nicht sonderlich gut. Besonders in Halbzeit eins, denn ansonsten wären wir mit einer Führung in die Pause gegangen. Das war auch gegen Montenegro so. Da haben wir fünf Bälle leichtfertig weggeschmissen, lagen schnell zurück, und dann schwindet auch das Selbstbewusstsein. Aber gegen Israel haben wir dann die Kurve bekommen und waren in der zweiten Halbzeit deutlich verbessert.
Wie würden Sie es einschätzen: War Deutschland so schwach, oder war der Gegner so stark?
So ein Qualifikationsspiel gewinnen wir nicht gerade so im Vorbeigehen. Israel hat auch gegen Tschechien gut mitgehalten und dort lange Zeit nur ein Tor in Rückstand gelegen. Hätten die Tschechen nicht Filip Jicha in ihren Reihen gehabt, der dann entscheidende Akzente gesetzt hat, wäre es auch für sie enger geworden. Dadurch haben die Israelis ihre Chance gewittert und wollten gegen Deutschland den Sensationssieg schaffen. Als dann bei ihnen Kraft und Konzentration nachgelassen haben, haben wir unsere Chance genutzt.
Wie ist es überhaupt zu erklären, dass die Mannschaft sozusagen eine Wundertüte ist und einen Gegner wie Israel fast schon zu fürchten hat?
Es hängt damit zusammen, dass wir durch die Niederlage gegen Montenegro verunsichert waren. Das haben wir uns aber selber zuzuschreiben, da wir unser Potenzial nicht abgerufen haben. Weder in der Offensive noch in der Deckung und im Tor - gerade da waren wir bei der EM in Serbien noch stark gewesen. Andererseits müssen wir auch unsere Ansprüche zurückschrauben, denn wir sind momentan in der Weltspitze nicht ganz vorn dabei. Wir sind im Umbruch, und man darf nicht vergessen, dass auch erfahrene Spieler wie Lars Kaufmann, Patrick Groetzki oder Holger Glandorf gefehlt haben. Auch andere Nationen hätten Probleme, wenn drei solche Leistungsträger fehlen. Auf der anderen Seite konnten wir so andere Spieler testen, die ihre Chancen auch teilweise genutzt haben - wie zum Beispiel Tobias Reichmann.
Kann man denn provokant behaupten, der deutsche Handball befinde sich seit 2007 auf dem absteigenden Ast?
2008 hatten wir mit dem Erreichen des EM-Halbfinals noch Erfolg, dann ging es bedingt durch Rücktritte gestandener Nationalspieler bergab - das muss man klar sagen. Wir haben das noch nicht kompensieren können, und dann ist es doch normal, dass wir nicht von heute auf morgen wieder in die Weltspitze vorstoßen können. Das kann keine andere Nation, auch die Franzosen hätten da Probleme. Deswegen müssen wir die Ansprüche zurückschrauben. Wir müssen aus unserer guten Breite die Spitzenspieler formen und diese mit Geduld und kontinuierlicher Arbeit an die Weltspitze heranführen.





