Gigi Meroni war der Serie A-Shooting Star der 60er. Ein Rebell in allen Bereichen und einer der ersten Popstars des Fußballs, der mit langen Haaren und einem Huhn an der Leine die Fans irritierte und zu früh starb - tragischerweise überfahren von seinem größten Fan.
Glück hängt an einem dünnen seidenen Faden. Manchmal genügt bereits eine kleine Unachtsamkeit, eine klitzekleine falsche Entscheidung oder vielleicht auch nur eine bittere Laune des Schicksals und er reißt. Was wäre gewesen, hätte Gigi Meroni an diesem verregneten Abend des 15. Oktober 1967 nicht ausgerechnet in dieser Bar mit seinem besten Freund und Teamkollegen und seiner Freundin feiern wollen? Was wäre passiert, wenn er den vielbefahrenen Corso Re Umberto in Turin doch an der Ampel mit Zebrastreifen überquert hätte, statt auf seine Schnelligkeit zu bauen?
Vielleicht wäre er noch am Leben, vielleicht hätte er, der vor 45 Jahren als eines der größten Talente des italienischen Fußballs galt, heute auf eine große Karriere zurückblicken können. Die Voraussetzungen dafür hatte Gigi Meroni, der Star von Torino, allemal. Fußballerisch war der 24-Jährige über jeden Zweifel erhaben. Stoppen konnten seine Gegner den Tempodribbler mit den heruntergerollten Stutzen und dem Faible für Beinschüsse nur durch harte Fouls. Meroni war er ein Popstar, zu einer Zeit und an einem Ort, an dem man ähnliches noch nicht kannte.
Gigi Meroni - Spaziergang mit einem Huhn
Er war ein Non-Konformist im seinerzeit konformistischen und vor allem erzkonservativen Italien. Er liebte das Dolce Vita und das Extravagante - nicht nur auf dem Platz, wo den auf allen Offensivpositionen einsetzbaren Spieler seine technischen Fertigkeiten, seine eleganten Dribblings und Meronis Fähigkeit, in wichtigen Momenten das Besondere zu vollbringen aus der Masse der Catenaccio-Kicker abhoben. Auch außerhalb des Sports war er eine schillernde Persönlichkeit, liebte schnelle Autos, schöne Frauen und die Musik der Beatles und der Rolling Stones.
Gigi Meroni sah sich selbst ebenfalls als Künstler, kopierte deren Kleidungsstil und Frisur, malte, schrieb Gedichte und liebte es einfach, sich zu inszenieren. Mal führte er ein Huhn an der Leine über den Marktplatz seiner Heimatstadt Como, mal nahm er das Tier zum Baden mit an den See, versuchte ihm einen Badeanzug anzuziehen. "Einige Leute haben einen Hund, ich ein Huhn. Warum die Aufregung", konterte er entsprechende Nachfragen. Solche Auftritte und seine langen Haaren - wobei lang in Italien zu dieser Zeit alles war, was über die Ohren hing - polarisierten extrem.
Für die Torino-Fans und die Jugend war er Kult, die breite Öffentlichkeit beäugte ihn allerdings mit enormer Skepsis. Seine Weigerung, sich die Haare schneiden zu lassen, stand lange einer Nationalmannschafts-Karriere im Weg, 1966 wurde er zum Sündenbock des peinlichen italienischen WM-Aus in England abgestempelt, obwohl er im entscheidenden Spiel gar nicht zum Einsatz gekommen war. Zudem lebte Meroni auch noch in wilder Ehe mit einer noch verheirateten Frau zusammen - im katholischen Italien ein riesiger Skandal, den die Presse gierig ausschlachtete.
Tod sucht Meroni auf dem Höhepunkt heim
Trotzdem rissen sich die Topclubs um das "schwarzen Schaf" des italienischen Fußballs oder sollte man lieber sagen, das "Schwarze Küken"? Schließlich hatten ihm Fans nicht nur wegen seiner fransigen Haare am Pony den Spitznamen "Calimero" verpasst. Gigi Meroni hatte sogar schon einem 750 Millionen Lire-Deal mit dem Lokalrivalen Juventus und dessen Boss Gianni Agnelli zugestimmt, bevor wütende Proteste und Streikandrohung der Torino-Fans unter der FIAT-Belegschaft den Deal doch platzen ließen. Traurig war der 24-Jährige darüber jedoch nicht lange.
Der Saisonstart mit Torino war gut verlaufen, auch privat entwickelte sich alles bestens. Die Ehe seiner langjährigen Freundin Cristina war mittlerweile annulliert worden, der Weg zum Traualtar nach Jahren der wilden Ehe damit endlich frei. Das und den am Nachmittag errungen 4:2-Sieg über Sampdoria hatten Meroni und Kumpel Fabrizio Poletti eigentlich feiern wollen. Nach dem gemeinsamen Abendessen mit der Mannschaft machten sie sich auf den Weg in ihre Stammbar, von wo aus sie Cristina anrufen wollten. Dann ereignete sich das tragische Unglück.
Unglücksfahrer war Meronis größter Fan
Gigi und Fabrizio überquerten den breiten Corso Re Umberto, mussten am Mittelstreifen stoppen und einem schnellfahrenden Auto ausweichen. Dabei erwischte sie jedoch ein Fahrer auf der Gegenspur. Poletti trug nur leichte Verletzungen davon, Meroni wurde allerdings in den Gegenverkehr geschleudert und erlag seinen schweren Verletzungen. Tragischerweise war der 19-jährige Unglücksfahrer Meronis größter Fan. Attilio Romero, Dauerkartenbesitzer von Torino, trug den gleichen Haarschnitt und hatte sogar ein Foto seines Idols im Wagen hängen. Später wurde er sogar zum höchst umstrittenen Präsident des Clubs.
Doch selbst nach seinem Tod produzierte Meroni Schlagzeilen. Ferraudo de Francis, der Kaplan von Torino FC, der die Trauerfeier abhielt, wurde von der Katholischen Kirche mit der Exkommunizierung bedroht, weil er die heilige Messe für einen Sünder - wegen der wilden Ehe - abhielt. Wenige Wochen nach dem Begräbnis öffnete ein Verrückter das Grab, schnitt dem Leichnam die Leber heraus. Er habe sicher gehen müssen, dass sein Idol tatsächlich tot sei, erklärte der Mann der Polizei, der er das entnommene Organ Tage später überbrachte.
Irgendwie bizarr, aber auch irgendwie passend zur Extravaganz von Gigi Meroni, über den der italienische Journalist Gianni Brera einst sagte: "Er war das Symbol für phantastische Fähigkeiten und soziale Freiheiten in einem Land, in dem sich eigentlich jeder andere einfach nur angepasst hatte." Ein schillernder Star, der letzlich die zwei Grundregeln des Rock 'n' Rollers beherzigte: "Die before I get old" (The Who) and "Better burn out than fade away" (Neil Young) - und damit zur unsterblichen Legende wurde.
