Für Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel endete in Montreal seine längste Durststrecke. Mit dem Großen Preis von Kanada hat Vettel bis auf den USA-GP nun alle Rennen im Kalender gewonnen. Durch den tragischen Tod eines Streckenpostens währte die Freude aber nur kurz
Als Vettel zusammen mit Vizeweltmeister Fernando Alonso und Mercedes-Pilot Lewis Hamilton auf dem Podest stand, ahnte noch niemand, welch tragisches Ende der Kanada-GP 2013 nehmen würde. "An diesem Rennen gibt es nichts zu beanstanden", sagte der 25-jährige Heppenheimer, der erstmals auf dem Circuit Gilles Villeneuve und damit 18 von 19 Rennen im F1-Kalender gewann, noch bei der Siegesfeier.
Auch sein Ferrari-Dauerrivale jubelte noch. "Der zweite Platz schmeckt wie ein Sieg, weil wir an einem schwierigen Wochenende wettbewerbsfähig waren und mit den Fahrern vorne mitkämpfen konnten", freute sich Alonso und lobte die Konkurrenz nach seiner waghalsigen Aufholjagd: "Bei ihnen hat man selbst Rad an Rad bei 320 Stundenkilometern nie Angst, weil sie intelligent und erfahren sind und immer den nötigen Sicherheitsabstand lassen."
Dass Vettel zusätzlich davon sprach, dass Auto ausgequetscht zu haben, schien wenig später wie ein makabrer Scherz, weil wenige hundert Meter weiter Ärzte um das Leben eines Streckenposten kämpften. Beim Rücktransport von Esteban Gutierrez kaputtem Sauber in die Box hatte der 38-Jährige das Gleichgewicht verloren.
Erster Toter seit zwölf Jahren
"Das riesige Rad des Krans fuhr über seinen Körper, wodurch er Frakturen erlitt", erklärte Jacques Bouchard, Chefarzt des Grand Prix, nach den Wiederbelebungsversuchen. Der Automobilweltverband FIA teilte später mit, dass der Streckenposten um 18.02 Uhr Ortszeit im Sacre-Coeur-Krankenhaus von Montreal verstorben war.
Die Tragödie änderte die Laune der Erstplatzierten augenblicklich. "Es gibt heute nichts zu feiern", schrieb Fernando Alonso bei Twitter. "Ich bin sehr, sehr traurig, diese Neuigkeit zu hören. Meine Gedanken sind bei seiner Familie und seinen Freunden", teilte Sebastian Vettel mit. Der Mexikaner Gutierrez wandte sich ebenfalls an die Hinterbliebenen: "Ich bete, dass sie bald Trost finden."
Bei allen im Paddock saß der Schock tief. Die aktuellen Formel-1-Piloten haben mit Todesfällen an der Strecke kaum Erfahrung, weil die FIA an den Sicherheitsmaßnahmen hart gearbeitet hat. Seit 1999 sind die Räder mit Stahlseilen an den Boliden befestigt, damit sie bei einem Unfall nicht abreißen. Elf Jahre später wurde die Anzahl der Seile auf zwei pro Reifen verdoppelt.
Tragischer Arbeitsunfall
Ein dringend nötiger Schritt: 2001 starb ein australischer Streckenposten, als ihn in Melbourne ein Reifen nach einer Kollision von Jacques Villeneuve und Ralf Schumacher traf. Auf gleiche Weise erlag ein Feuerwehrmann nach einer von Heinz-Harald Frentzen ausgelösten Massenkarambolage beim Italien-GP 2000 in Monza seinen Verletzungen. Sie waren die letzten Todesopfer der Formel 1. Fahrer sind seit dem Imola-Wochenende 1994 mit den Unfällen von Roland Ratzenberger und Ayrton Senna nicht mehr gestorben.
Der Todesfall von Montreal aber war ein tragischer Arbeitsunfall, keine Folge der Risiken des Motorsports. Als der australische Streckenposten unter die Räder des Krans kam, fuhr dieser rückwärts. Der Fahrer konnte den Gestolperten nicht wahrnehmen.
"Die Arbeit der Streckenposten wird nicht immer gesehen, aber sie ist unverzichtbar für unseren Sport. Ohne ihre Hingabe, ihre Zeit und ihr Engagement würde es keinen Motorsport geben", sagte Weltmeister Vettel über die stillen Helden, die während der Rennen für die Sicherheit der Fahrer sorgen - und das ohne Bezahlung.
Tragisches Ende eines normalen Wochenendes
Neben der berechtigten Trauer stand beim siebten Saisonrennen aber endlich wieder die Leistung der Fahrer im Mittelpunkt. Alle Piloten kamen mit ein bis zwei Stopps aus. Übermäßige Reifenprobleme? Fehlanzeige. Durch den Regen am Samstag reichte zudem ein überlegenes Auto nicht, um die Pole-Position zu erobern.
Sebastian Vettel reagierte am besten auf die Bedingungen, fuhr auf Startplatz eins und vergrößerte mit dem Sieg trotz zwei Fehlern - in der zehnten Runde touchierte er die Mauer, in der 52. fuhr er durchs Gras - seinen Vorsprung in der Fahrer-WM auf 36 Punkte. Dass ausgewogene Setup ließ ihn zudem am Sonntag im Gegensatz zum im Qualifying überraschend starken Valtteri Bottas nicht zurückfallen.
Fernando Alonso und Kimi Räikkönen müssen unterdessen darauf hoffen, dass die Temperaturen beim Großen Preis von Großbritannien am 30. Juni höher sind, um bessere Startplätze zu erringen. Ferrari und Lotus sparen bei normalen Bedingungen zwar Reifen, ist es jedoch kalt, bekommen die Piloten ihre Gummis nicht ins optimale Arbeitsfenster. Red Bulls Kompromiss zwischen Haltbarkeit und Schnelligkeit ist gelungener.
Autor: Alexander Maack
