(Seite 3 von 3)
Gibt es einen zweiten Fall 1860?
Dabei kann man eines sicher sagen: Wenn der HSV sich jetzt auch noch von weiteren erfahrenen Spielern trennen sollte, dann droht ein Totalabsturz, wie ihn 1860 München 2003/2004 erlebte, als aus finanziellen Gründen Davor Suker, Thomas Häßler, Martin Max und Simon Jentzsch verkauft wurden und die Löwen anschließend mit einer blutjungen Elf in die 2. Liga abstiegen.
Missgunst gegenüber Stars gibt es natürlich nicht nur beim HSV. Zum Standardrepertoire der bei Busblockaden angestimmten Fangesänge zählen die Klassiker "Wir sind Schalker und Ihr nicht", oft wird erfolglosen Spielern pauschal "Söldnermentalität" unterstellt. Meistens aber nur im Fall von Abstiegsgefahr oder langen Pleiteserien.
Beim HSV braucht es das gar nicht. Gerne stimmten die Anhänger früher den Chor an: "Außer Hermann könnt Ihr alle gehen". Gemeint war der Masseur Hermann Rieger, letztes Überbleibsel aus der Ära Ernst Happel, der bis 2005 als Physiotherapeut beim HSV arbeitete. Sogar das Maskottchen hat man nach ihm benannt. Kann man charmant und sympathisch finden. Man kann aber auch fragen: Was sagt es über Fans aus, wenn sie sich nur mit dem Masseur identifizieren können, aber nicht mit Spielern?
Den vielen jungen Nachwuchsspielern im aktuellen Kader gegenüber herrscht in Hamburg übrigens nicht so viel Antipathie wie in den letzten Jahren. Auch erkennen viele Fans an, dass die Verpflichtung von Sportdirektor Frank Arnesen langfristig sehr klug ist. Aber egal, wie sympathisch man Son Heung-Min oder Michael Oenning findet: Letztlich sollte es um das Abschneiden auf dem Platz gehen.
Und auch, wenn einiges dafür spricht, dass man eine radikale Verjüngung des Kaders nicht unbedingt mit einem sehr unerfahrenen Trainer kombinieren sollte (wenn man nicht einen Tuchel-Treffer landet) - unter den gegebenen Umständen wird der HSV wohl gegen den Abstieg spielen. Und den vermeidet man nicht in Dortmund oder München. Vielleicht eher zu Hause gegen Köln - wie nächstes Wochenende. Wirklich bewerten können wird man die Qualität der Mannschaft und des Trainers wohl erst in vier bis sechs Wochen. Sehr unwahrscheinlich allerdings, dass das Hamburger Umfeld so lange damit wartet.
Daniel Raecke





