Was ist los, wenn Nürnberger Fans ihren Bus blockieren? Wenn HSV-Fans auch nach Siegesserien rumnörgeln? Und wenn Hannoveraner sich keinen Stadionbesuch mehr leisten können? Statt Ärger über Fans bei uns also mal Fans, die sich ärgern. Die Fragen an den Spieltag.
1) Wo sehen HSV-Fans ihre Mannschaft vor dem Klassiker gegen Bayern?
Treue Stammleser, so es sie in unserer schnelllebigen Zeit noch gibt, werden sich daran erinnern, dass wir im August 2011 das Verhältnis des HSV zu seinen Fans unter die Lupe genommen haben. Die Stimmung rund um die Rothosen, so unser damaliges Essay, sei inzwischen so negativ, dass es fast schon egal sei, was der Club unternehme, es werde ohnehin alles kritisiert. Einen Abstiegskampf, zwei verpatzte Saisonstarts und eine Rückkehr der Familie Van der Vaart später scheint es an der Zeit, sich die aktuelle Entwicklung in dieser Frage noch einmal anzusehen.
Man muss dazu sagen, dass die "Alster-halb-leer"-Mentalität der Hamburger Presse und der vor allem unter den Sitzplatzbesuchern zu findenden Nörgel-Anhänger nicht so leicht abzulegen ist. Man denke nur an die Mutter von Tony Soprano. Die vergangenen 14 Monate im Schnelldurchlauf durch die Schwarz-weiß-blaue Brille betrachtet:
"Die überbezahlten Stars müssen alle weg. Der Drobny ist ja ein total Blinder. Arnesen hat nur Ausschussware aus Chelsea mitgebracht. Wir steigen ab. Oenning wird entlassen, nachdem es erst noch hieß, er solle bleiben - das ist ja das Allerletzte. Jetzt sitzt Arnesen selbst auf der Bank, und Fink soll irgendwann kommen - lächerlich. Ah, wir sind endlich da unten raus gekommen. Oh, wir haben in Hoffenheim 0:4 verloren. Das ist der Abstieg. Erst am vorletzten Spieltag gerettet, wie unwürdig. Was wollen wir denn mit Adler - einen guten Keeper haben wir doch schon und der war zu lange verletzt. Keine Transfers in der Sommerpause, Arnesen muss weg. Pokalaus in Karlsruhe, Fink raus. Wieder Fehlstart, na typisch. So viel Geld für Van der Vaart - das heißt Abstieg und Pleite in einem. Badelj und Jiracek auch noch - was hauen die da wieder für Geld raus. Wir sind Abstiegskandidat Nummer eins. Dreimal 1:0 gewonnen - aber überzeugt hat der HSV nie, ganz schmutzige Siege in Fürth und Augsburg."
Bevor die Authentizität der obigen Collage angezweifelt wird - es handelt sich um Originalzitate oder Paraphrasen von jeweils zeitgenössischen Aussagen von Journalisten oder HSV-Anhängern, die dem Autor persönlich bekannt sind. Vergleicht man die Tabellensituation der Rothosen aktuell mit der Mitte September, so mutet vor allem die Beschwerde, die Siege seien "nicht überzeugend" gewesen, paradox an. Was denn nun: Ist der HSV nun eigentlich gut und schöpft sein Potenzial nicht aus? Oder ist er die schlechteste Mannschaft der Liga?
Aus der Distanz betrachtet: Weder noch. Dank der Nachkäufe Ende August ist der Kader sicher gut genug, um Platz zehn zu erreichen. Aber sicher nicht gut genug für einen Europacupplatz. Dass man Spiele, in denen man nicht die bessere Mannschaft ist, trotzdem 1:0 gewinnt, ist im Übrigen nicht gerade ein Anlass, vom Abstieg zu reden. Spiele verlieren, in denen man besser ist, das ist das Kennzeichen eines Abstiegskandidaten.




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