Das darf niemals passieren! So lautete das Fazit nach dem Defensiv-Debakel gegen Schweden. sportal.de hat die Fehler von Bundestrainer Löw und des deutschen Teams analysiert, nicht ohne die grandiose erste Halbzeit und die starke Reaktion der Schweden zu würdigen.
1) 60 Minuten lang war es eine grandiose Leistung
Selten musste die Geschichte eines Spiels so komplett umgeschrieben werden, wie nach diesem denkwürdigen 4:4 in Berlin. Nach der ersten Halbzeit, in der Deutschland begeisternden Fußball zeigte, möglicherweise waren es sogar die besten 45 Minuten in der Ära Löw, stand das Fazit im Grunde bereits fest: Deutschland hat die Stimmungskrise der letzten Wochen genauso überwunden wie das spielerische Tief, das sich seit der EM-Vorbereitung breitgemacht hatte.
Tatsächlich dürfen die letzten 30 Minuten mit den vier unnötigen Gegentoren nicht alles überstrahlen. Angeführt von einem wieder erstarkten Mesut Özil zeigte Deutschland tollen Tempofußball, kombinierte sich durch die tief stehenden Viererketten der Schweden, hatte Ballbesitzwerte wie der FC Barcelona, zeigte effektives Pressing, band die beiden hoch stehenden Außenverteidiger Philipp Lahm und Jerome Boateng perfekt ins Spiel ein und bestach durch verloren geglaubte Effizienz bei der Chancenverwertung.
Marco Reus meißelte die Jokerrolle von Lukas Podolski diesmal als Vorbereiter und nicht als Vollstrecker in den Berliner Rasen. Miroslav Klose glänzte als Vollstrecker. Özil interpretierte seine Rolle sehr beweglich und lauffreudig, der Regisseur war überall zu finden. Und auch Thomas Müller zeigte 60 Minuten lang das beste Länderspiel seit langem - die deutsche Offensive war ein einziger Superlativ.
Nicht unerwähnt sollte aber bleiben, dass die deutsche Dominanz auch durch die völlig falsche Taktik der Schweden begünstigt wurde. Trainer Erik Hamren setzte in seinem 4-4-2 auf zwei unflexible Viererketten, die - wie schon Irland bei der 1:6-Niederlage - tief und damit viel zu nah beieinander standen. Ein Zlatan Ibrahimovic zur Entlastung allein reicht nicht, was Hamren selbst merkte und in der Pause revidierte.
2) Schweden wechselt die Taktik und Löw schaut zu
Der Doppelwechsel in der Pause war aus schwedischer Sicht ein wichtiger Faktor, auch wenn Hamren die Lorbeeren für den Umschwung nicht allein haben wollte. Gegenüber AFP erzählte der schwedische Coach, sein Kapitän Ibrahimovic habe in der Kabine das Wort ergriffen: "Er hat in der Pause eine wirklich gute Rede gehalten. Er hat die Spieler gecoached, wie es sich für einen guten Kapitän gehört."
Mit Kim Källström und Alexander Kacaniklic brachte Hamren aber nicht nur zwei neue Spieler, er änderte auch die komplette Ausrichtung seiner Mannschaft. Källström reihte sich zwar ins zentrale Mittelfeld ein, interpretiere seine Rolle aber wesentlich offensiver. Schweden stand deshalb nicht mehr so tief und bekämpfte das deutsche Mittelfeld früher.
Källström (sportal.de-Note 1) avancierte zum besten Spieler auf dem Platz, er war an drei der vier schwedischen Tore beteiligt. Kacaniklic wiederum hatte die Aufgabe, Boatengs Offensivdrang auf der rechten Seite einzudämmen. Das gelang sehr gut, denn Kacaniklic machte die Wege nach hinten sehr konsequent mit, schaltete sich seinerseits aber auch ins Offensivspiel ein - was an Boateng aber irgendwie vorbeiging.
Oder sollte man besser sagen, was an Löw vorbeiging. Denn während Hamren seiner Aufgabe als Coach in beeindruckender Manier auch in der Pause nachging, nahm der Bundestrainer kaum Einfluss auf das Spiel. "Wenn das Spiel mal in so eine Phase gerät, ist es schwierig, von außen richtig Einfluss zu haben", sagte Löw nach dem Spiel. "Ich habe versucht, einzelne Spieler nochmals daran zu erinnern, wie sie in ihre Positionen gehen sollen und konsequent arbeiten. Das Spiel ist irgendwie aus dem Ufer gelaufen und war nicht mehr zu korrigieren."
Ob Löw damit Boateng meint, der seine Rolle als Rechtsverteidiger weiterhin munter offensiv interpretierte, ist nicht überliefert. Aber sportal.de ist der Meinung, ein Trainer kann durch richtige Wechsel oder taktische Anweisungen von außen jederzeit Einfluss auf ein Spiel nehmen. Spätestens nach dem 4:2 hätte Löw die Defensive stärken müssen. Statt Mario Götze hätten Spieler wie Benedikt Höwedes oder Heiko Westermann kommen müssen. Und in der Nachspielzeit auf den dritten Wechsel gänzlich zu verzichten, sollte einem Bundestrainer beim Stand von 4:3 ebenfalls nicht passieren. Im Grunde machten die Schweden das, wozu sich die DFB-Elf nicht imstande sah: Sie legten den Schalter um
3) Deutschland und der Schalter oder: Das fehlt zu einer großen Mannschaft
Die Ratlosigkeit der Spieler wenige Minuten nach dem historischen Einbruch war total verständlich. Während der Bundestrainer ("Ganz ehrlich, ich kann das jetzt nicht erklären"), sein Kapitän ("Wenn man 4:0 führt und 4:4 spielt, ist irgendwas falsch gelaufen") und sein Leader Bastian Schweinsteiger ("Natürlich ist es unerklärlich") kaum Worte fanden, flüchtete sich Toni Kroos in eine Floskel, die später sogar TV-Experte Mehmet Scholl aufnahm:
"Schweden hat gekämpft um jeden Zentimeter und wir haben den Schalter nicht mehr umlegen können", sagte Kroos am ARD-Mikrofon. Aber was bedeutet das eigentlich, den Schalter umlegen? Kroos meint damit wohl, dass nach einer 4:0-Führung die Bereitschaft schwindet, den Gegner in aller Konsequenz zu bekämpfen und wenn der Gegner dann zwei Tore erzielt hat, soll der Schlendrian nicht mehr aus den Köpfen zu bekommen sein.
Wir wollen nicht zu lange auf dem Schalter herumreiten, aber die Passivität der letzten 30 Minuten gegen Schweden ist ein deutliches Indiz dafür, was Deutschland in der Entwicklung zu einer großen Mannschaft fehlt. Passiert etwas Unvorhergesehenes - exemplarisch stehen dafür die taktische Fehlplanung im EM-Halbfinale gegen Italien, das unerwartet starke Pressing der Österreicher und eben die taktische Umstellung der Schweden -, fehlt der Löw-Elf die Flexibilität, um darauf zu reagieren. Dabei muss, mit Verlaub Herr Kroos, dann auch kein Schalter umgelegt werden, stattdessen geht es darum, Alternativen parat zu haben.
4) Ein alter Hut: Nur noch Spezialisten auf allen Positionen
Seit Jahren fordert sportal.de, in der Nationalmannschaft Spieler nur noch auf den Positionen einzusetzen, die sie auch im Verein spielen. Stets als Aufhänger dient dabei der Posten des Außenverteidigers, wo man Löw tatsächlich zugutehalten muss, dass das Angebot überschaubar ist.
So überschwänglich Boateng für seine erste Halbzeit gegen Schweden gelobt wurde, selbst dieses Spiel untermauert unsere These: Ein gelernter Außenverteidiger hätte aus seinen Freiheiten des ersten Durchgangs viel mehr machen können. Boateng lief sich zwar konsequent frei und stand wie ein moderner Außen sehr hoch, gute Flanken oder Pässe in den Rücken der Abwehr, wie es Marco Reus auf der anderen Seite vormachte, brachte Boateng aber nicht zustande.
Natürlich stellt sich bei diesem Thema sofort die Frage nach den Alternativen. Philipp Lahm steht über allen, Marcel Schmelzer soll seine Zeit bekommen, dahinter flaut es schnell ab. Bis zur WM bleiben aber noch anderthalb Jahre. Tony Jantschke, Sebastian Jung, Oliver Sorg und Bastian Oczipka sind jung und genügen derzeit noch nicht den Ansprüchen der Nationalelf, ein Boateng tut es auf der rechten Seite aber auch nicht.
Neben Boateng stand gestern auch Holger Badstuber neben sich, der Innenverteidiger (sportal.de-Note 5,5) stand bei zwei Toren schlecht und hatte einen großen Anteil an der gefühlten Niederlage. Badstuber ist gelernter Innenverteidiger, nur spielt er es bisher in dieser Saison beim FC Bayern nicht, da er auf der linken Seite aushelfen musste. Gerade auf den Positionen, wo Löw eine breite Masse an guten Spielern zur Verfügung hat, muss der Bundestrainer noch viel stärker auf die aktuelle Form, oder im Fall Badstuber auf die zuletzt bekleidete Position, achten. Stammplätze und das Vertrauen in Führungsspieler sind wichtige Faktoren, trotzdem müssen Leistungsprinzip und taktische Ausrichtung über allem stehen. Sonst wird sich das DFB-Team auch in Zukunft noch an dem einen oder umgelegten Schalter die Finger verbrennen.
