Der von den Fans des FC Chelsea als "dicker Kellner" verspottete Rafael Benitez wird trotz des möglichen Gewinns der Europa League seinen Hut nehmen müssen. sportal.de beleuchtet den Umgang der Blues mit den Trainern und sagt, warum Benitez gehen muss.
Wenn sich heute Abend der FC Chelsea anschickt, gegen Benfica Lissabon das Finale der Europa League (ab 20.45 Uhr im Live-Ticker) zu gewinnen und damit ein Jahr nach der Champions League den zweiten europäischen Wettbewerb nach Hause bringt, steht ein Trainer an der Seitenlinie, der seit seinem Amtsantritt im November nie eine richtige Chance hatte: Rafael Benitez.
Damit ist er der zweite Chelsea-Trainer in Folge, der nach einem wichtigen Titelgewinn den Hut nehmen müsste. Im Gegensatz zu Vorgänger Roberto di Matteo werden die Blues-Fans dem ungeliebten Benitez jedoch keine Träne nachweinen. Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass der Trainerstuhl in West-London seit einem Jahrzehnt hinter einer Drehtür steht.
Das Nord-Süd-Gefälle der Trainer
Manchester United und der FC Chelsea sind so etwas wie Gegenentwürfe - nicht nur, was die Trainer angeht: In den vergangenen 26 Jahren gab es in Nordengland bekanntlich nur einen Coach und der hieß Sir Alex Ferguson. Der zu allem Übel für die Konkurrenz auch noch 38 Titel gewann. Böse Zungen würden jetzt behaupten, genau dieselbe Anzahl an Trainern hätte Chelsea in der Zeit verschlissen. Das stimmt zwar nicht ganz, aber immerhin 18 Manager sah Sir Alex in seiner eigenen Amtszeit in Duellen mit den Blues auf der anderen Seite des Platzes.
In jener Zeitspanne gab es zwar auch 18 nennenswerte Trophäen für Chelsea, doch Obacht: Vier von sechs Titelgewinnern an der Seitenlinie mussten nach ihrem letzten Erfolg aus unterschiedlichen Gründen gehen. In West-London galt gerne einmal das Motto: "What have you done for me lately?" Nach Vorgänger Roberto Di Matteo könnte Rafael Benitez mit dem Europa-League-Pokal im Gepäck London verlassen (müssen). Doch dieses Mal bahnte sich der Abgang bereits bei Benitez-Verpflichtung an.
Benitez und Chelsea: Eine Geschichte voller Missverständnisse?
Dabei hätte Benitez sich die Aufgabe an der Stamford Bridge gewaltig erleichtern können, wenn er sich denn nur entschuldigt hätte. Der Spanier hatte in seiner Zeit beim FC Liverpool die Blues verärgert, als er unter anderem erklärte, niemals Chelsea trainieren zu wollen und die Anhänger des Clubs verunglimpfte. Er wäre nicht der erste Coach eines Liga-Rivalen, der sich somit zu seinem Team bekannt hätte und nach Angaben des Vorsitzenden der Fanvereinigung hätte man dem "dicken spanischen Kellner" (Plakat der Chelsea-Fans) vielleicht verziehen. Doch trotzig verzichtete Benitez auf eine solche Entschuldigung.
Im Gegenteil, er goss noch mehrfach Öl ins Feuer, beklagte sich hier und da - nicht zu Unrecht - über das Verhalten der Fans und auch der Clubführung, die von Anfang an an der Bezeichnung Interimstrainer festhielt. Zudem stellte er sich nach dem Biss von Liverpools Luis Suarez nicht hinter seinen Spieler Branislav Ivanovic. Eine Tatsache, die ihm sehr verübelt wurde und als noch vorhandene Sympathie für die Reds ausgelegt wurde.
Benitez als schmerzhafter Gegner des FC Chelsea
Eine solche könnte man Benitez nicht verdenken, hat er mit Liverpool doch seine größten Erfolge gefeiert: Je ein Titel in der Champions League, im FA Cup, im Community Shield und UEFA Super Cup stehen aus der Benitez-Ära im Trophäenschrank an der Anfield Road. Was die Chelsea-Fans an diesem Erfolgen besonders schmerzen dürfte - jeweils 2005 und 2007 verlor ihr Club gegen Liverpool im Halbfinale der Champions League. Und verweigerte somit dem erklärten Lieblingstrainer Chelseas, Jose Mourinho, zwei Mal die Final-Teilnahme.
Die Vergangenheit wurde für Benitez beim FC Chelsea zum Stolperstein, hatte er mit der Nachfolgeschaft von Roberto di Matteo den Blues-Liebling Nummer zwei auf der Trainerbank abgelöst. Der wiederum in "guter", alter Tradition, entlassen wurde, nachdem das Aus in der Champions League drohte. Di Matteo wiederum hatte im März 2012 Andre Villas Boas abgelöst, der auf Platz fünf der Premier League stand, die Blues jedoch ins Achtelfinale der Champions League geführt hatte.
Abramovich und die Trainer des FC Chelsea: Eine unendliche Geschichte
Warum musste also der Eine, sogar mit dem erstmaligen Sieg in der Champions League im Rücken, gehen, weil er zwar in der Liga gut da stand, aber in der Königsklasse nicht und der Andere, weil er in Europa erfolgreich schien, aber in der Heimat an Boden zu verlieren drohte? Die Antwort: Die Ungeduld von Clubbesitzer Roman Abramovich.
Unter dessen Aufsicht versuchten sich in zehn Jahren tatsächlich zehn Manager. Wenn man dann bedenkt, dass in drei Jahren Mourinho am Ruder saß, kann man tatsächlich feststellen: Der Trainerverschleiß unter Abramovic ist enorm. Zumal spätestens mit dem Engagement Villas Boas eigentlich ein Neuaufbau beginnen sollte. Der Umbruch dauerte ganze neun Monate, dann verlor Abramovich die Geduld - auch nachdem Teile der Mannschaft die Taktik des Neuen kritisiert hatten.
Der lange Schatten des Jose Mourinho
Doch zurück in die Gegenwart: Benitez wird beim FC Chelsea also gehen, folgen sollte ihm jedoch nur einer, der das Trainerkarussell bremsen kann: Jose Mourinho. Der schwebt nicht erst seit gestern über seinen Nachfolgern, seit dem er 2007 fluchtartig die Stamford Bridge verlassen hatte, weil er sich mit Besitzer Abramovich überworfen hatte. "Er ist der Meinung, dass er das Sagen im Club haben sollte", so damals Ex-Spieler Pat Nevin über Mourinho gegenüber der BBC. "Wenn man jemand mit diesem Ego, und das meine ich nicht negativ, die Leitung übergibt und dann sagt, dass er gar nicht das Sagen hat - das ist ein Rezept für Chaos."
Doch selbst der russische Milliardär scheint seine Eitelkeit hinuntergeschluckt zu haben und bereit zu sein, Mourinho nach Jahren in Italien und Spanien, gespickt mit drei Meisterschaften, zwei Pokalsiegen und einem Champions League-Titel, zurück zum FC Chelsea zu holen. Auch Abramovich dürfte aus den Jahren ohne The Special One gelernt haben.
So bleibt Mourinho die einzig logische Lösung. Damit das Ganze jedoch funktioniert, braucht Abramovich nicht nur Geduld. Er muss zurückstecken und sein Ego und seine Kontrollwut etwas im Zaum halten. Mourinho weiß nun, dass er jederzeit gehen kann - und auch wenn er in all den Jahren auf dem Kontinent immer wieder den Wunsch, zurück in die Premier League zu gehen, äußerte - der FC Chelsea ist schließlich nicht der einzige Top Club in England. Für die Blues bleibt dabei nur zu hoffen, dass die Reibung zwischen den zwei großen Egos für eine ähnliche positive Energie wie in den Jahren 2004 bis 2007 sorgt.
Benitez: Die Rechnung, bitte!
Vor einem müssten sich die Herren in Blau dann vielleicht wieder fürchten: Noch-Trainer Rafael Benitez. Der hat nämlich unlängst den Wunsch geäußert, gerne in der Premier League zu bleiben. In dem Fall sollte sich Mourinho wünschen, nicht wieder im Halbfinale auf den "dicken Kellner" zu treffen.
