Ist Dortmund in Europa angekommen, weil der Deutsche Meister den Englischen in dessen Stadion dominierte? Oder ist der BVB immer noch grün hinter den schwarzgelben Ohren, weil die Überlegenheit nicht zum Sieg reichte? Das und mehr in der sportal.de-Analyse.
1) Was Dortmund richtig machte - und warum das nicht einfach "offensiv" war
Auf den ersten Blick könnte man das Spiel so lesen, wie es Jürgen Klopp selbst schon vor dem Anpfiff angeboten hatte, nach der Devise: "Dortmund hat sich nicht versteckt und sein eigenes Spiel gemacht. Anstatt sich nach einem vermeintlich übermächtigen Gegner zu richten." Das würde aber den taktischen Schachzügen des Dortmunder Meistertrainers nicht gerecht. Denn der BVB passte sich sehr wohl dem Gegner an - und war genau deshalb so stark.
Um das besser zu illustrieren, muss man sich den Spielansatz von City ansehen. Quell der Überlegenheit des Englischen Meisters ist oft die Dominanz im zentralen Mittelfeld, wo Yaya Touré sein Regiment führt, wo aber auch gerne Überzahl erreicht wird, indem die Spieler von den Außenbahnen wie David Silva und Samir Nasri nach innen ziehen.
Genau darauf war der BVB optimal eingestellt, mit einer Mischung aus 4-1-4-1 und 4-5-1-Formation, in der beide Reihen kompakt beieinander blieben. So war die Zone, in der Citys Angreifer und Mittelfeldspieler Bälle annehmen und weiterverteilen konnten, sehr klein.
Die Engländer genossen wesentlich mehr Ballbesitz (fast zwei Drittel der Netto-Spielzeit verbrachte das Leder in ihren Reihen), aber dieser äußerte sich oft zwangsläufig darin, dass die Viererkette den Ball durch die Reihen laufen ließ, ohne den Passweg nach vorne zu finden. Zwar hatte City doppelt so viel Ballbesitz wie der BVB, zählt man aber nur die Ballkontakte in der jeweils gegnerischen Hälfte, so hatte Dortmund sogar mehr davon als die Gastgeber.
Das "Mutige" an Dortmunds Taktik bestand also vor allem darin, die eigene Viererkette hoch Richtung Mittellinie zu verschieben, um die Kompaktheit zu jeder Zeit zu gewährleisten und gleichzeitig ein konsequentes Pressing zu ermöglichen. Dieses Pressing vollführte Dortmund so gut, dass man es in der Champions League in dieser Form in den letzten Jahren eigentlich nur von Barcelona besser gesehen hat, wie sportal.de-Liveredakteur Danial Montazeri treffend bemerkte.
Entscheidend war auch, dass sowohl Marco Reus als auch Mario Götze sehr diszipliniert nach hinten arbeiteten. Dass die beiden Stars, die beide, wie auch Ilkay Gündogan und Sven Bender im zentralen Mittelfeld, hervorragend spielten, das tun konnten und dennoch so gut Gegenpressing spielen konnten und selbst zu Chancen und schnellen Angriffszügen kamen, lag wiederum natürlich an der hohen Viererkette des BVB und der extremen Kompaktheit.
Die fast unheimliche Abstimmung zwischen den Mannschaftsteilen und die perfekt aufeinander einstudierten Laufwege sind das Kennzeichen einer wirklich gut trainierten Mannschaft, und so muss man Jürgen Klopp attestieren, dass er den Sprung nach Europa nun auch taktisch geschafft zu haben scheint. Warum aber hat seine Mannschaft dann nicht gewonnen?
2) Der Punktverlust lag an Joe Hart, nicht an Pavel Kralovec
Auch wenn ZDF-Kommentator Oliver Schmidt es schaffte, in seinem Fazit nach dem Spiel innerhalb von 30 Sekunden dreimal das Wort "Schiedsrichterentscheidung" zu verwenden, um das Unentschieden zu erklären, hatte dieses hochkarätige Champions League-Spiel es nicht verdient, auf einen umstrittenen, aber nicht klar falschen Pfiff des Unparteiischen reduziert zu werden. Die deutsche Unsitte, vermeintliche Fehlentscheidungen zum Hauptgrund für Niederlagen oder Unentschieden zu verklären, ist leider hartnäckiger als der deutsche Fußball selbst, der sich in den letzten zehn Jahren wesentlich schneller und besser entwickelt hat als der Journalismus, der über ihn berichtet.
Sicher wäre die Interpretation, dass Neven Subotic kaum ausweichen konnte, als Sergio Agüeros Schuss/Hereingabe ihn am Ellenbogen traf, ebenso zulässig gewesen. Aber ein nicht angelegter Arm, der im Fünfmeterraum eine Torgelegenheit blockiert, ist grundsätzlich erst mal ein Handelfmeter, darüber lange zu hadern, bringt wenig. Selbst klare Fehlentscheidungen des Unparteiischen sollten nie die alleinige Geschichte des Spiels erzählen, genau das aber ist die deutsche Tradition, wie beim WM-Finale 1966, über das die meisten deutschen Fans nichts wissen, außer, dass es "das Wembley-Tor" gab, das natürlich nie hinter der Linie gewesen sei.
Für entsprechend errungene Siege gilt das natürlich nicht, siehe die WM-Titel von 1974 und 1990, bei denen jeweils zweifelhafte Elfmeter im Finale eine Rolle spielten. Diese sollten auch nicht die Erzählung dominieren, sondern immer das sportliche Geschehen. Und das wurde in Manchester wie ausgeführt von Dortmund dominiert und brillant gestaltet. Dass der BVB seine zahlreichen Chancen nicht verwertete, lag dabei zu großen Teilen gar nicht an eigener Unfähigkeit, sondern an einem Weltklassespiel von Joe Hart, dem besten, das man in letzten Jahren von einem Keeper auf diesem Niveau gesehen hat.
War das Unentschieden "unverdient"? Ja, zumindest hatte City sich den Punkt nicht verdient und war vor allem in der zweiten Hälfte klar die schlechtere Mannschaft. Aber wichtiger als das Lamento über den späten Ausgleich sollte die Erkenntnis sein, dass Dortmund sehr viel richtig gemacht hat, und welche Qualitäten die Mannschaft von Jürgen Klopp in den anstehenden Spielen gegen Real Madrid auf den Rasen bringen kann.
3) Die Perspektive von Manchester City
Da zu einem Spiel immer zwei Mannschaften gehören, was zwar ein Herbergerismus sein könnte, in der sportjournalistischen Praxis aber kaum Allgemeingut zu nennen ist, wollen wir uns auch fragen, wie City besser hätte ins Spiel kommen können, und was die Probleme waren, die den Englischen Meister am Zugriff auf dieses wichtige Champions League-Heimspiel hinderten.
Vorab muss man allerdings festhalten, dass auch City durchaus zu Chancen kam und bei einem durchschnittlichen Tag von Roman Weidenfeller vielleicht gewonnen hätte. Die Gelegenheiten entsprangen allerdings auch vor der Pause (in der die Gastgeber alles in allem einigermaßen gleichwertig in einem sehr guten Spiel waren) mehr als beim BVB Einzelaktionen und der individuellen Klasse von Sergio Agüero oder David Silva. Taktisch verlor Roberto Mancini das Duell gegen Jürgen Klopp.
Auch das ist indes eine Analyse nach Ansicht des gesamten Spielverlaufs. Das Gegentor selbst resultierte mehr aus einem krassen individuellen Fehler des eingewechselten Jack Rodwell, für den die pressenden Dortmunder zwar ein Faktor, nicht aber die Hauptursache waren.
Kritisiert wurde Mancini in den englischen Medien vor allem für seine Aufstellung von Matija Nastasic in der Innenverteidigung neben Vincent Kompany, auf Kosten von Joleon Lescott. Mit diesem verbinden Viele offenbar die Erinnerung an die beste Abwehr der Premier League der vergangenen Saison (29 Gegentore in 38 Ligaspielen). Die 18 Gegentore in den zehn Pflichtspielen der laufenden Saison (noch kein Zu Null) erklären sich aber nicht nur aus dieser Personalie, denn Lescott spielte in der Hälfte aller Begegnungen. Eher ist die Formschwäche des in der Vorsaison so überragenden Kompany ein Erklärungsansatz.
Eine weitere interessante Personalie betraf den Angriff, in dem Edin Dzeko überraschend den Vorzug vor Carlos Tévez und Mario Balotelli erhalten hatte. Hier stellt sich tatsächlich die Frage, ob Dzeko der richtige Stürmertyp gegen Dortmund war. Schließlich konnte er seine Stärken gegen die hohe Abwehr kaum ausspielen, hier hätte ein schnellerer, wendigerer Angreifer wie Tévez (oder auch Balotelli, der immerhin ganz gute Erfahrungen mit Mats Hummels gemacht hatte bei der EM) mehr bewirken können. Denn die Angriffschancen, die City vor allem vor der Pause hatte, entsprangen ja schnellen Spielverlagerungen und Bewegung in Richtung der Außen, wenn Dortmund nicht so schnell zum Ball verschieben konnte - wie etwa bei Zabaletas Flanke vor der Großchance von David Silva vor der Pause.
Jenseits von Mancinis Aufstellung, die ja nicht zum ersten Mal nach einem erfolglosen Champions League-Spiel gegen einen Bundesligisten ins Visier geriet (nach der Niederlage in München vor einem Jahr wurde sein Verzicht auf defensive Absicherung im Mittelfeld moniert), stellt sich aber auch die Frage nach der Klasse Yaya Tourés. Möglich, dass der Ivorer nicht im Vollbesitz seiner Fitness war, zwischenzeitlich sah es so aus, als humple er sogar etwas. Aber dann hätte er gar nicht spielen dürfen. Denn seine gewohnte Klasse und Vielseitigkeit konnte er gegen die mit und ohne Ball schnelleren Dortmunder selten zur Geltung bringen. Ist Dortmund einfach besser als die Premier League-Gegner, oder hatte Touré nur einen schlechten Tag?
4) Abseits des Rasens: Großartige Fans, fragwürdige Geschäftsführung
Sehr beeindruckt war man in Manchester von den vielen Tausend mitgereisten Dortmunder Fans, die das Spiel akustisch fast zu einem Heimspiel machten und eine Energie und Begeisterung an den Tag legten, die man in England gar nicht mehr kennt. Die Überlegenheit der Fankultur der Bundesliga gegenüber dem, was die Premier League aus der englischen Stadionatmosphäre gemacht hat, ein Klischee der deutschen und englischen Sportberichterstattung (auf beiden Seiten sind viele Journalisten der Meinung: In Deutschland alles toll, in England keine Stimmung mehr), wurde an diesem Abend im Südosten von Manchester tatsächlich einmal bestätigt.
Als Tottenham Hotspur vor wenigen Jahren in der Europa League in Leverkusen gastierte, sah das aber natürlich andersherum aus. Die Kombination von Dortmunder Fans und der sterilen Atmosphäre der City-Fans im immer noch ungeliebten neuen Stadion und der gleichzeitigen Umstrukturierung der früher extrem treuen und fanatischen Anhängerschaft des Clubs schaffte hier jedenfalls einen klaren Punktsieg für die Auswärtsfans.
Einen solchen Punktsieg wollte vielleicht auch Hans-Joachim Watzke landen, als er vor dem Spiel in extrem undiplomatischer Weise den Gastgeber und dessen Finanzgebaren kritisierte. Die Äußerungen waren wohl eher für den nationalen Markt gedacht, wo Watzke sich der Zustimmung eines Großteils der Fans sicher sein kann. Gegenüber Bayern oder Schalke wären ähnlich kritische Töne ja auch undenkbar. Aber als Boss des Deutschen Meisters kann man halt keine Interviews geben, die in England nicht gelesen werden.
Und dass auch die seriösesten englischen Zeitungen am Spieltag mit der Schlagzeile aufwarten: "Manchester City should be thrown out of Champions League, says Borussia Dortmund chief executive", ist nach objektiven Maßstäben ein PR-Desaster. Dass in Deutschland wiederum Viele sagen: "Da hat er doch Recht" mag ja sein. Aber die internationale Wirkung solcher Headlines ist halt eine andere, und wenn es darum geht, sich in Europa Anerkennung und Respekt zu verschaffen, ist das das, was Angela Merkel als "nicht hilfreich" bezeichnen würde.
Fazit: Jürgen Klopp ist in Europa angekommen. Seine Mannschaft auch. Die Fans ohnehin. Der Vorstand leider noch nicht.
