Jenseits von Bayern und Dortmund, die vor dem Champions League-Finale heute Abend ein kleines Testspiel vereinbart haben, kicken Clubs mit großen Namen wie Schalke 04 und Borussia Mönchengladbach inzwischen in einer anderen Liga. Die Analyse des Freitagsspiels.
Schon oft wurde es von uns betont - aber nach dem Freitagsspiel der Bundesliga liegt es nahe, die These noch einmal zu wiederholen: Schwer vorstellbar ist es momentan, dass Bayern München nicht auf Jahre hinaus ein europäisches Spitzenteam bleibt. Und der BVB hat seine Klasse auch beeindruckend unter Beweis gestellt. Daraus aber zu schließen, dass nun das "Zeitalter der Bundesliga" beginnt, und damit die gesamte Liga zu meinen, das ist eine Auffassung, die sich nicht leicht verteidigen lässt.
Denn zeitgleich mit dem Aufschwung von Deutschlands zwei Topteams haben diese den Rest der Bundesliga hinter sich gelassen wie Ballastsäcke, die aus einem Heißluftballon geworfen werden. Vom Boden aus sehen die restlichen fünfzehneinhalb Bundesligisten (wenn man Leverkusen noch eine Sonderstellung zubilligt), wie Bayern und Dortmund am Horizont immer kleiner werden. Diese Froschperspektive nehmen nicht nur Fürth und Hoffenheim ein, sondern schon die heimliche Nummer drei der Liga, Schalke 04, und der letztjährige Tabellenvierte, Borussia Mönchengladbach.
Dennoch löste die Nachricht, dass genau diese beiden am Freitag ein namhaftes Auftaktspiel des 32. Spieltags bestreiten sollten, unbändige Vorfreude in der an naiven Sportredakteuren nicht armen Redaktion von sportal.de aus. Gladbach gegen Schalke! Westklassiker! Champions League-Anwärter! Endlich ein Freitagsspiel ohne einen Aufsteiger, Nürnberg oder Augsburg (es war erst das achte Freitagsspiel der Saison ohne eine dieser fünf Mannschaften).
Warum Borussia Mönchengladbach als Mannschaft, die drei Spieltage vor Schluss theoretisch noch in die Champions League kommen konnte, trotzdem schon 40 Punkte Rückstand auf Platz eins hatte, das war jedoch auch klar zu sehen. Und das hier soll kein einseitiger Borussia-Bashing-Artikel sein, denn zu Schalke gibt es auch das eine oder andere zu sagen.
Gladbach: Ein 4-4-2 der oldschooligen Sorte
Starten wir jedoch mit der Borussia. Moderner Fußball sieht anders aus, aber Lucien Favre hat mit seinem defensiv orientierten 4-4-2 ja schon länger relativen Erfolg. Wenn man gerade einige Champions League-Spiele verfolgt hat, erwartet man intuitiv Gegenpressing nach Ballverlusten. Was Mönchengladbach in solchen Fällen versucht, ist, möglichst viele Männer hinter den Ball zu bringen und dabei seine Grundordnung einzunehmen. Diese ist weniger an schneller Rückgewinnung des Balles interessiert als vielmehr daran, dem Gegner Torabschlüsse im und am Strafraum zu verunmöglichen.
Diese Taktik ging über weite Strecken des Spiels einigermaßen auf, sorgte aber auch dafür, dass der ästhetische und Unterhaltungswert des Spiels sehr gering blieb. Dass Favre diesen allerdings nicht als Hauptzweck seines Wirkens betrachtet, ist nicht neu. Und das ist auch in Ordnung so. Die angesprochene Grundordnung der Borussia sieht so aus, dass vor der Viererkette in recht geringem Abstand eine zweite Kette gebildet wird, wobei insbesondere Granit Xhaka und Thorben Marx sich sehr dicht an den hinter ihnen spielenden Innenverteidigern orientierten, was wiederum die Gefahr mit sich bringt, den Raum vor dem Strafraum nicht ausreichend gegen Abschlüsse aus ca. 20 Metern zu sichern.
Die Strategie besaß jedoch zwei Vorteile, die diesen Nachteil wieder aufwogen. Erstens kam Schalke praktisch gar nicht zu Chancen aus dem Strafraum heraus. Nicht umsonst war ein Schuss von Michel Bastos von außerhalb des Sechzehners die nennenswerteste Chance der Gäste vor der Pause. Und zweitens gab es zentral vor dem Strafraum, wenn die Positionen genau stimmten, praktisch keine Räume zwischen den Linien. Der grundsätzlich aus dem Duell eines 4-4-2 gegen ein 4-2-3-1 entstehende überzählige Mann im Mittelfeld nützte Schalke so recht wenig.
Peniel Mlapa am Scheideweg
Gladbachs defensive Ausrichtung war allerdings auch undankbar für die beiden Sturmspitzen, Peniel Mlapa und Mike Hanke. Während man von Hanke ohnehin eher mannschaftsdienliches Spiel und großen Fleiß als viele Tore erwartet, müsste Mlapa seine fraglos guten Anlagen über kurz oder lang mal zu einem schlüssigen Gesamtpaket verbinden, will er mal ein guter Bundesligaspieler werden. Die Vorschusslorbeeren, die den früheren Münchner Löwen auf allen Stationen und in der deutschen U21 begleiteten, werden irgendwann welk. Mlapa ist jetzt 22 und hat sieben Bundesligatore in 73 Spielen erzielt.
So eine Bilanz wäre durch außerordentlich große Mannschaftsdienlichkeit oder exzellentes Passspiel zu kompensieren, aber man hat das Gefühl, dass der Stürmer zu oft die falsche Entscheidung trifft oder die Optionen, die sich ihm in einer Situation bieten, nicht wahr zu nehmen vermag. Als Mlapa 2010 nach Hoffenheim wechselte und dort in einem 4-3-3 auf der rechten Seite eingesetzt wurde, entsprach das seinen Fähigkeiten allerdings insgesamt besser als seine jetzige Rolle.
Warum gewann Schalke denn aber nun in Mönchengladbach? An einer besonders ausgefeilten Taktik lag es jedenfalls nicht. Selbst defensiv sehr solide aufgestellt, vermochten die Gäste es ohne Jefferson Farfán lange nicht, den Gladbacher Defensivverbund so ins Wanken zu bringen, dass die hochkarätigen Offensivspieler gefährlich eingesetzt wurden. Anders als Gladbach versuchte Schalke sich zumindest immer mal wieder durchaus an Gegenpressing und ging den gegnerischen Ballbesitz etwas proaktiver an als Gladbach, das zufrieden damit war, an der Mittellinie eine Demarkationslinie einzurichten.
Klaas-Jan Huntelaar - man kann ihn auch ausschalten. Fast.
Klaas-Jan Huntelaar aber wurde im Vergleich zu seinem furiosen Comeback gegen den HSV sehr effektiv neutralisiert - von einer guten Chance in der Schlussphase abgesehen. Dass sich in den letzten 15 Minuten die Schalker Gelegenheiten mehrten, mag auch an konditionellen und Konzentrationsschwächen der Borussia gelegen haben. Man mag das Verhalten der gleich drei Borussen, die sich vor dem 0:1 auf den Passgeber Raffael stürzten, als ungeschickt bezeichnen. Man kann aber auch sagen, dass die drei Unglücksraben den Passempfänger und Torschützen Julian Draxler eigentlich abseits gestellt hätten, wenn nicht in der Mitte der ansonsten gute Alvaro Dominguez einen ganz kleinen Moment zu spät herausgerückt wäre.
Die Stellung von Draxler in dieser Szene als Abseits zu bewerten, wie der übertragende Sender Sky es tat, weil sich ein Körperteil des Schalkers, mit dem er ein Tor erzielen könnte, einen Hauch vor dem am weitesten hinten gelegenen Körperteil von Dominguez, mit dem dieser ein Tor verhindern könnte, befunden habe, ist grotesk. Es gibt Abseitsstellungen, die faktisch auf "Gleiche Höhe" hinauslaufen. Da bringt dann die Faustregel "im Zweifel für den Stürmer" dem Assistenten wesentlich mehr, als nachträglich mit Standbild und Vergrößerung einzelne Körperteile zu vermessen - etwas, das in einem Profifußballspiel kein Unparteiischer so leisten kann. Das Nichterkennen von klaren Abseitsstellungen ist ärgerlich genug, auch ohne, dass man den Schiedsrichtern auch noch unlösbare Sonderaufgaben stellt.
Am Ende jedenfalls mag es so ausgesehen haben, als hätte die größere Klasse der Schalker Einzelspieler (die diese ohne Frage besitzen) den Ausschlag gegeben. Mehr als das war es aber ein Spiel, in dem, wie Schalke-Twitterer Hassan Talib Haji richtig prophezeite, in dem ein Fehler das Spiel entscheiden würde. Die Gladbacher Einwechslung von Branimir Hrgota hatte ebenso das Potenzial, spielentscheidend zu werden. Aber in seiner ersten Szene scheiterte der Schwede nach einem tollen Haken gegen Benedikt Höwedes daran, dass er den frei stehenden Hanke nicht sah, sondern sich verdribbelte. Und bei seiner zweiten Szene, als er mit Rücken zum Tor und First Touch auf Juan Arango gelegt hatte, bediente der Xhaka, dessen Hereingabe aber einen Meter zu weit für Luuk de Jong kam.
Nach dem Spiel gab Schalkes Trainer Jens Keller zu, nicht eines der besten Spiele seiner Mannschaft gesehen zu haben. Unverdient war der Schalker Sieg aber keineswegs. Das Spiel zwischen dem Vorjahresvierten und -dritten der Bundesliga zeigte aber all zu deutlich, wie wenig der Fußball der Verfolgerteams noch mit dem der beiden Champions League-Finalisten zu tun hat.
