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Von: Marcus Krämer
Datum: 17. Juni 2013, 07:10 Uhr
Format: Artikel
Diskussion:
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Baustellen der internationalen Topclubs: FC Barcelona

FC Barcelona
Der FC Barcelona braucht neue Ideen

Die Bundesliga-Baustellen sind geschlossen, nun checkt sportal.de die Lage bei den europäischen Topclubs. Denn wenn die Bayern aufgehalten werden sollen, muss was passieren. Wir starten mit dem FC Barcelona, der die Münchner Dominanz besonders zu spüren bekam.

500.000 Menschen säumten die Straßen von Barcelona. Bereits vier Spieltage vor Saisonende hatte die Blaugrana den 22. Titel in Spanien unter Dach und Fach gebracht, Erzrivale Real Madrid war chancenlos. Dass es am Ende sogar eine Rekordsaison mit 100 Punkten, 32 Siegen und 115 erzielten Tore werden sollte, stand nach dem 2:1-Sieg bei Atletico Madrid am 35. Spieltag noch gar nicht fest, trotzdem war der katalanische Stolz auf der Meisterfeier spürbar.

In den Wochen zuvor mussten die Barca-Spieler auch mit anderen Gefühlen ihrer Fans leben. Gegen Real konnte in sechs Pflichtspielen im Supercup, im Pokal und in der Liga nur ein Sieg gefeiert werden. Und in der Champions League fegte ein Orkan aus München über die dominante Mannschaft der letzten Jahre hinweg. Verwunderung, Angst, Verunsicherung - all das war in Barcelona zu spüren. Droht das Ende einer Ära?

Es folgte eine nicht ganz neue Diskussion zwischen Modernisten und Traditionalisten. Die einen wollen das Barca-System mit neuen Ideen aufwerten, um mit dem vielen Ballbesitz, der eindimensionalen Spielweise und der Abhängigkeit von Lionel Messi nicht in Schönheit zu sterben. Die anderen sehen in dem von Johann Cruyff eingeführten Stil ein Kunstwerk, dass unabänderlich zu Barcas Image gehört. Més que un club halt.

Einigkeit herrscht jedoch darin, dass Barcelona mitten in einer spannenden Sommerpause steckt, die für die elf Nationalspieler beim Confed Cup noch gar nicht begonnen hat. Wie groß die Baustelle tatsächlich ist, verrät sportal.de jetzt:

Die Mischung macht's

So bitter das Aus gegen die Bayern auch war, eine komplette Infragestellung des Systems wäre kontraproduktiv. Denn die Saison der Katalanen (41 Siege, 9 Remis, 7 Niederlagen) war gut, nicht überragend, aber gut. 100 Punkte in der Primera División sind ein starkes Zeugnis, die Angriffsmaschine lief vor allem gegen kleinere Gegner.

Die Anfälligkeit in den Spitzenspielen gegen Real, Bayern und teilweise auch gegen Milan und PSG ist jedoch ebenfalls ein Fakt, der Gründe hatte. Das Team musste über Wochen ohne den an Krebs erkrankten Cheftrainer Tito Vilanova auskommen, die lange Verletzung von Kapitän Carles Puyol war ebenso schwerwiegend wie Messis fehlende Fitness gegen Bayern und auch Xavi war gegen Ende der Saison nicht Im Vollbesitz seiner Kräfte.

All das raubte Barcelona einen entscheidenden Faktor: Tempo. Und weil die Bayern den Ballbesitz der Blaugrana zuließen und ihrerseits mit Pressing und Schnelligkeit antworteten, ging das Halbfinale mit 0:7 verloren. Das rief die genannten Kritiker oder Reformer auf den Plan, Barca bräuchte mehr Robustheit, eine andere Spielidee, möglichst mit einem Strafraumstürmer, der schnörkellos den Abschluss sucht.

Passende Gerüchte dazu gibt es seit Wochen. Robert Lewandowski und Fernando Torres sollen das Interesse von Vilanova geweckt haben - obwohl mit dem Brasilianer Neymar bereits für 57 Millionen Euro ein neuer Stürmer verpflichtet wurde. Es wird bei den Gerüchten bleiben, denn das Barca-Spiel würde sich zu stark ändern (mehr Flanken, Messi nicht mehr im Zentrum, weniger Kurzpässe) oder der neue Stürmer müsste, ähnlich wie Zlatan Ibrahimovic in der Saison 2009/10, vergeblich seinen Platz suchen und käme nur selten zur Ausspielung seiner Qualitäten.

Vielmehr geht es darum, sich in Sachen taktischer Flexibilität am FC Bayern oder an Borussia Dortmund zu orientieren. Die Bundesliga-Clubs konnten auch ins Finale der Champions League einziehen, weil ihr Spiel in den Topspielen aus einer gleichbleibenden Grundordnung heraus auf die Taktik der Gegner reagierte. Barcelona hat tatsächlich nur diesen einen Plan A, der gegen gute Gegner eben nur in absoluter Bestform aufgeht. Vilanova steht vor der großen Aufgabe, das vorhandene System beizubehalten, aber auch alternative Ideen einzustudieren. Das Barca-Spiel muss schön bleiben, aber flexibler werden.

Die Abwehr braucht Verstärkungen

Ob das viele Geld für Neymar gut angelegt ist, ist jetzt noch nicht zu beantworten. Der Stürmer gilt als riesiges Talent, muss sich in Europa aber erst einleben und konnte zuletzt in den Länderspielen mit Brasilien - sein Traumtor gegen Japan mal ausgenommen - nur selten überzeugen.

Wichtiger ist ohnehin die Abwehr, denn Barcelona kassierte in der vergangenen Saison zu viele Gegentore. Piqué hatte zwar nicht die beste Saison, mit seinen 26 Jahren und der modernen Spielanlage gehört ihm aber weiter die Zukunft. Neben Piqué fehlte die Konstanz. Kapitän Carles Puyol war häufig verletzt, Javier Mascherano bleibt eine Notlösung und Nachwuchsmann Marc Bartra hat es noch nicht auf das höchste Niveau geschafft.

Ein neuer Innenverteidiger muss her, drei Namen wurden und werden im Camp Nou gehandelt. Mats Hummels würde von seiner Spielanlage perfekt nach Barcelona passen, der Dortmunder hat aber bereits klargestellt, auf keinen Fall wechseln zu wollen. Bei Thiago Silva sieht das anders aus, der Abwehrmann von Paris St. Germain hat Interesse an einem Transfer bekundet, finanziell müsste sich Barca jedoch strecken und in Paris gilt der Brasilianer als wichtiger Eckpfeiler im Team. Bleibt noch Inigo Martínez. Der junge Spanier hat eine herausragende Saison bei Real Sociedad San Sebastián hinter sich, bei der U 21-Europameisterschaft konnten sich die Barca-Scouter erneut von seinen Qualitäten überzeugen.

Auf Außen müssten Vilanova und Sportdirektor Andoni Zubizarreta nur tätig werden, wenn Dani Alves tatsächlich zu PSG wechseln sollte. Das Interesse besteht schon länger, Alves wird aber zunächst den Confed Cup spielen und im Anschluss entscheiden. Auf der linken Seite hat sich Jordi Alba sofort einen Stammplatz erobert, sein Vertreter Adriano hat seinen Vertrag vor wenigen Wochen bis 2017 verlängert. Interessant dürfte die Entwicklung von Martin Montoya sein, der Rechtsverteidiger ist in Spaniens U 21 ebenfalls Stammspieler, kam in Barcelona bisher aber nicht an Alves vorbei

Fábregas: Zurück ins Mittelfeld

Im Mittelfeld scheint die Rangfolge der Stammspieler ebenfalls klar verteilt. Sergio Busquets ist der Herrscher im defensiven Mittelfeld, davor lassen in der Regel Andres Iniesta und Xavi den Ball zirkulieren. Die Passgenauigkeit von Xavi ist dabei weiterhin herausragend, knapp 95 Prozent seiner Pässe kamen in der vergangenen Saison an.

Wenn der zu Knieschmerzen neigende Xavi wegen fehlender Fitness jedoch nicht alles abrufen konnte, stotterte der Motor von Barcelona spürbar. Deshalb muss ein Nachfolger gefunden und aufgebaut werden, immerhin ist Xavi bereits 33 Jahre alt und wird - trotz seines Vertrags bis 2016 - keine ganze Saison mehr auf höchstem Niveau spielen können.

Und da wären wir auch schon bei Cesc Fabregas. Der 2011 vom FC Arsenal zurückgekehrte Fabregas konnte sich bisher noch keinen Stammplatz erobern, in der vergangenen Saison wurde er häufig als Messi-Vertreter in der Sturmmitte eingesetzt. Zur falschen Neun kann man ja stehen, wie man will, aber Fabregas ist im Mittelfeld stärker. Mit Neymar dürften seine Ausflüge in die Spitze ohnehin beendet sein, Fabregas ist der ideale Xavi-Vertreter. Und wenn Vilanova das auch so sieht, auch sein Nachfolger.