Das Halbfinale war bei den WTA-Championships in Istanbul für Angelique Kerber noch eine Nummer zu groß. Allerdings trug auch der Kräfteverschleiß aus dem Duell gegen Victoria Azarenka dazu bei, dass die Deutsche sich Na Li glatt mit 4:6, 3:6 geschlagen geben musste.
Gerade einmal 84 Minuten hatte das Match gedauert, nach dessen Ende sich Na Li weiter Chancen auf das Erreichen der Vorschlussrunde ausrechnen darf. Während Angelique Kerber bei ihrer WM-Premiere ohne Sieg blieb, kommt es für die Chinesin in ihrem dritten Gruppenspiel gegen Azarenka nun zu einem echten Endspiel.
Gegen die Weißrussin hatte die Deutsche am Tag zuvor eine tolle Leistung gezeigt, an die sie allerdings leider nicht anknüpfen konnte. Klar, Kerber war nach dem Marathon-Match müde, die über drei Stunden dauernde Partie hatte sie über Nacht natürlich nicht aus den Knochen bekommen.
Auch dürfte die Niederlage psychologisch einige Spuren hinterlassen haben. Zwar hatte die Deutsche 3:1 und 4:2 im ersten Satz geführt, doch während sich Na Li steigerte, zunehmend druckvoller wurde und das Tempo der Partie an sich riss, war Angelique Kerber nur noch selten in der Lage, sich aus kritischen Situationen zu befreien.
Am Ende fehlte Angelique Kerber auch die Kraft
Bei 3:2-Führung hatte sie noch mit einem tollen Cross aus der Bedrängnis punkten können, doch dann musste sie mit ansehen, wie Na Li an ihr vorbeizog und dank eines Doppelfehlers der Gegnerin den ersten Satz für sich entscheiden konnte. An eine Aufholjagd war dann nicht mehr zu denken. Der erste Aufschlag wackelte, den zweiten Service konnte sie kaum zu Punkten nutzen. Kein Wunder, dass die deutlich ausgeruhtere Chinesin keine Mühe hatte, sich zu Null das Aufschlagspiel der Deutschen zum 3:1 zu holen und dann schnell mit 4:1 davon zu ziehen.
Angelique Kerber kämpfte zwar weiter, versuchte sich mit allen noch verfügbaren Kräften gegen die Niederlage zu stemmen, hatte sogar noch ein Rebreak zum 2:5 und einen eigenen Aufschlaggewinn zum 3:5 schaffen können. Doch letztlich half es alles nichts. Die Beinarbeit sprach aber Bände über die Kraftreserven der Deutschen, sie kam kaum noch in optimale Positionen zum Ball und musste nach am Ende klar und deutlich geschlagen geben.
Höhenangst hoffentlich kein Hinderungsgrund für Angelique Kerber
Grämen muss sich die Deutsche allerdings nicht. Sie kann auf das beste Tennisjahr ihrer Karriere mit zwei Turniersiegen zurückblicken und bestätigte mit ihren Auftritten in Istanbul trotz dreier Niederlagen ihre Zugehörigkeit zu den Topspielerinnen der Tenniswelt. Zur absoluten Weltklasse fehlt Angelique Kerber aber noch ein Schritt - z.B. ein härterer Aufschlag und vor allem eine etwas konsequentere und aggressivere Spielweise in langen Ballwechseln.
"Ich nehme hier viele wertvolle Erfahrungen mit. Das wird mich auf ein höheres Level heben", kommentierte Kerber und wird vielleicht auch ein bisschen froh gewesen sein, dass es in Istanbul noch nicht mit Sprung auf die nächste Ebene geklappt hat. Denn für den Fall eines großen Turniersieges haben Kerber und ihr Trainer Torben Beltz einen gemeinsamen Fallschirmsprung vereinbart. Die Sache hat nur einen Haken. Kerber leidet eigentlich unter Höhenangst - doch die wird sie hoffentlich nicht abschrecken, in der neuen Saison vielleicht noch den entscheidenden Schritt weiter zu gehen.
